6.4.1 A cognitive shift – Das Phänomen des Overview-Effekts

Website: Glocal-Campus
Kurs: Die Inner Development Goals im interkulturellen Coaching
Buch: 6.4.1 A cognitive shift – Das Phänomen des Overview-Effekts
Gedruckt von: Gast
Datum: Donnerstag, 3. April 2025, 11:27

1. Seeing the earth from above

„Seeing the earth from above, from the outside, with your own human eyes, changes you as a person.“

Bild von Appolo Earthrise


Abbildung 1 Earthrise


2. Earthrise

Während der Apollo-8-Mission nahm der Astronaut Bill Anders das ikonische Foto Earthrise auf, das die Erde zeigt, wie sie hinter der Mondoberfläche erscheint, während das Raumschiff den Mond umrundete (The Overview Effect, Experienced From the Earth's Surface). Diese Perspektive offenbart nicht nur die Schönheit und Fragilität unseres Planeten, sondern auch dessen Ganzheitlichkeit. Physische Grenzen sind aus dieser Perspektive nicht sichtbar. Astronauten beschreiben beim Blick auf die Erde aus dem All ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und eine körperliche Erfahrung globalen Bewusstseins. Dieses Phänomen einer kognitiven und emotionalen Veränderung wurde von Frank White als Overview-Effekt bezeichnet (White1987: The Overview Effect).

„There was a startling recognition that the nature of the universe was not as I had been taught… I not only saw the connectedness, I felt it.… I was overwhelmed with the sensation of physically and mentally extending out into the cosmos. I realized that this was a biological response of my brain attempting to reorganize and give meaning to information about the wonderful and awesome processes that I was privileged to view.” (Edgar Mitchell)

Viele der Astronauten, die den Overview-Effekt erlebt haben, bearbeiten diese Erfahrung in Beschreibungen, Reflexionen oder auch in Engagement in globalen Projekten.

Sobald die geopolitischen Zeichen von Trennung oder Differenzierung verschwinden, erscheinen politische Konflikte weniger bedeutsam, während die Notwendigkeit, eine friedliche, vereinte Gesellschaft zu schaffen, in den Vordergrund tritt.

Der überraschende Moment, das All erkunden zu wollen und plötzlich im Blick zurück von der Erde gänzlich in den Bann gezogen zu werden, wird als radikaler Perspektivwechsel gedeutet. Der Moment des Wechsels der Beobachterperspektive, ein turning the camera around

Hinweis: In diesem und den weiteren Videolinks dieses Textes ist ein nicht geringer zusätzlicher Arbeitsaufwand „versteckt“. Wir empfehlen, die Videos in Ruhe und in Gänze anzuschauen, weil sie die Inhalte illustrieren und vertiefen.


Otto Scharmer verwendet in seiner Theorie U den Begriff Overview-Effekt als Analogie. Die soziale Technologie Presencing zielt darauf ab, Individuen und Gruppen zu ermöglichen, ihre tiefste Quelle der Kreativität und des Wissens zu erschließen, indem sie den Bereich ihrer Wahrnehmung verschieben und somit eine Verbindung zu zukünftigen Möglichkeiten herstellen. Aus dem Ansatz des Presencing heraus gibt Scharmer in seinem Vortrag Inner change for emerging futures: From imagination to action auf der Konferenz ChangeNOW2023 in Paris eine Analyse und Deutung der gegenwärtigen Disruptionen.

  

Es fördert ein relationales Verständnis der eigenen Position innerhalb eines größeren Systems. Dieser Prozess erfordert ein Loslassen alter Gewohnheiten und ein Zulassen neuer Perspektiven, ähnlich wie der Perspektivwechsel, den Astronauten beim Overview-Effekt erfahren.


(für mehr Informationen: "Website des Overview Instituts")


3. Komplexität im interkulturellen Coaching

Um einen inner change geht es auch sehr oft im Coaching. Dabei erfordert insbesondere interkulturelles oder kulturreflexives Coaching den Umgang mit komplexen Systemen, die sich durch eine Vielzahl von Variablen, nicht-lineare Wechselwirkungen und Rückkoppelungsprozesses auszeichnen. Die Herausforderung besteht darin, solche Dynamiken beobachten und beschreiben zu können, sich ihnen anzuschmiegen um sie zu verstehen, und sich gleichzeitig selbst in eine Distanz zu komplexen Systemen zu bringen.




4. Wie sprechen wir über Komplexität?

Welche Konzepte können wir nutzen, um sie zu beobachten und zu beschreiben? Zu den zentralen Begriffen zur Beschreibung von und zum Sprechen über Komplexität gehören:




5. Beobachtung und Wahrnehmung in komplexen Systemen

Komplexität erfordert ein genaues Hinsehen, das Entdecken von Details und das Erkennen von Mustern, die auf den ersten Blick verborgen sind. Sie tauchen plötzlich auf, verschwinden wieder und verlangen ein Navigieren durch eine dynamische Umgebung. Beständig ist davon auszugehen, dass sich etwas auch ganz anders ereignen könnte; also kontingenzbewusst zu handeln. Kontingenz und Beobachtung sind in komplexen Systemen wechselseitig verbunden. Bereits der kommunikative Vollzug – das Sprechen oder Schreiben über Komplexität – vereinfacht sie notwendigerweise und verwickelt sich zugleich in Widersprüche, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten, die Komplexität erneut erzeugen. Dieses Phänomen der Selbstreferentialität und Rekursivität, der verschachtelten Strukturen, begleitet jede Annäherung an Komplexität. Sie lässt sich nicht durch Reduktion bewältigen, vielmehr verlangt sie ein beständiges Oszillieren zwischen den Polen einfach und komplex, übersichtlich und unübersichtlich. Komplexität lässt sich also nicht fixieren, managen, lösen oder endgültig entscheiden – sondern sie lädt dazu ein, länger als üblich im Ungewissen und Vagen zu verweilen.

Durch Reflexion unserer eigenen Beobachtungsprozesse können wir ein besseres Gespür für die Vielschichtigkeit der Phänomene entwickeln, die wir erleben oder in denen wir navigieren müssen. Methoden wie systemisches Denken, Reflexionsfragen und Perspektivenwechsel helfen, Dynamiken in komplexen Systemen zu erkennen und flexibel darauf zu reagieren. Konzepte und Begriffe dienen als Instrumente, um Komplexität zu beschreiben. Eine Auswahl von Wahrnehmungsinstrumenten ermöglicht es, neue oder differenzierte Unterscheidungen zu treffen und damit eine reflektierte Auseinandersetzung mit komplexen Systemen zu fördern. Trotz inhärenter Unvorhersehbarkeit lassen sich in solchen Systemen übergeordnete Muster oder Regelhaftigkeiten identifizieren, die Orientierung bieten (Mainzer 2008: Komplexität. UTB).

Jedes Beobachten beinhaltet einen Blinden Fleck, da Beobachter:innen nicht gleichzeitig ihre eigene Perspektive reflektieren können. Dies zeigt, dass Wahrnehmung immer selektiv ist und nie ein vollständiges Bild der Realität liefern kann.

Unsere Beobachtungsperspektive ist unser blinder Fleck: Wir können sie nicht vollständig beobachten, aber gleichzeitig ist sie unerlässlich, um überhaupt beobachten zu können.“ (Esposito. In: Richter 2024: Paradoxiemanagement in der Praxis, GIO 55, S. 2)

Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet, die eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu hinterfragen, um interkulturelle Dynamiken zu reflektieren und besser zu verstehen. Sie fokussiert auf die systemische und soziale Ebene der Wahrnehmung und untersucht, wie Beobachtungen innerhalb eines Systems oder Kontextes gemacht werden.



6. Fazit

Im interkulturellen Coaching bedeutet der Umgang mit Komplexität, nicht nach abschließenden Lösungen zu suchen, sondern Ambiguität und Unbestimmtheit als Ausgangspunkte für Reflexion und Entwicklung zu nutzen. 

Dies erfordert eine Haltung, die Oszillationen zwischen verschiedenen Perspektiven zulässt, anstatt sie vorschnell aufzulösen. 

Es erfordert Kontingenzeinsicht (Pörksen 2007: Sichtbare und unsichtbare Kontingenz. Zum Verhältnis von konstruktivistischer Kommunikationstheorie und Kommunikationspraxis. In: SPIEL 26, H.1.S. 167-178). Kontingenz beschreibt die allgegenwärtige Möglichkeit, dass Ereignisse anders verlaufen können als erwartet, und lädt uns ein, offen und bereit für das Unvorhergesehene zu sein. Die begriffliche Schärfung von Kontingenz, Ambiguität, Paradoxien und Unbestimmtheit kann uns helfen, die Dynamik komplexer Phänomene besser wahrzunehmen und in unserem Denken und Handeln Raum für das Unvorhersehbare zu lassen. 

Methoden wie systemisches Denken, Reflexionsfragen und Perspektivenwechsel helfen, Dynamiken in komplexen Systemen zu erkennen und flexibel darauf zu reagieren. 

In diesem Sinne werden wir aufgefordert, die Spannung zwischen Erwartung und Realität bewusst zu erleben und uns auf die ständige Ankunft des Neuen einzulassen. Beobachtungen als vorbegriffliche Praktiken sind dabei zentrale Elemente, um das Unfassbare in komplexen Systemen zu erfassen. Diese Praktiken erlauben es uns, die feinen und oft unsichtbaren Verbindungen innerhalb komplexer Systeme wahrzunehmen und zu interpretieren. Sie bieten eine Grundlage, um nicht nur das Offensichtliche, sondern auch das Verborgene und Unerwartete zu erkennen:

„Bending the beam of observation back onto the observing self“ (Scharmer:

Inner change for emerging futures: From imagination to action, 17‘51)

Indem wir, in Scharmers Worten, „paying attention to our attention“ praktizieren, wird es möglich, unser eigenes Denken und Handeln bewusster zu gestalten und so den Anforderungen komplexer, interkultureller Kontexte gerecht zu werden.