6.5 Systemisches Denken im Coaching
Website: | Glocal-Campus |
Kurs: | Die Inner Development Goals im interkulturellen Coaching |
Buch: | 6.5 Systemisches Denken im Coaching |
Gedruckt von: | Gast |
Datum: | Donnerstag, 3. April 2025, 11:28 |
1. Übersicht
Nachdem ihr euch im vorherigen Abschnitt mit Thema Komplexität auseinandersetzen konntet, beschäftigen wir uns im nächsten Schritt mit dem Thema systemischen Denkens.
1. Übersicht
2. Einstiegsübung "Das System Kerze"
3. Systemische Grundlagen und Prinzipien
3.1 Ein System - Begriffsbestimmung
3.2 Systemdenken
3.3 Holismus und Verbundenheit der Elemente
3.4 Prozesshaftigkeit und Zielorientiertheit
3.5 Offenheit und Dynamik von lebenden Systemen
3.6 Rückkopplung
3.7 Nichtlinearität und Nachhaltigkeit
4. Komplexität und systemisches Denken im Coaching
5. Transferaufgabe
6. Quellen

2. Einstiegsübung: Das System Kerze
Bevor wir uns tiefer in das Thema systemisches Denken einarbeiten, möchten wir euch zu einer Beobachtungsaufgabe einladen.
Bitte holt euch eine Kerze (oder Teelicht) und Streichhölzer.
Entzündet die Kerze.
Beschreibt das System Kerze
· Beobachtet bitte das System Kerze für einige Minuten. Beschreibt eure Beobachtungen.
· Was gehört zum System? Welche Wechselwirkungen/Rückkopplungen bestehen?
· Gibt es Systemgrenzen? Wie entstand das System?
· Notiert eure Beobachtungen.
Wie könnt ihr eure Beobachtungen (Systemgesetzmäßigkeiten der Kerze) auf soziale Systeme übertragen?
· Tauscht euch gerne dazu in den Peer-Gruppen aus.

3. Systemische Grundlagen und Prinzipien
Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Die Analyse von Strukturen und Funktionen soll häufig Vorhersagen über das Systemverhalten erlauben. Die Begriffe der Systemtheorie werden in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen angewendet, so in der Biologie, der Chemie, der Ethnologie, der Informatik, der Geografie, der Literaturwissenschaft, den Ingenieurwissenschaften, der Logik, der Mathematik, der Pädagogik, der Philosophie, der Physik, der Physiologie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Semiotik, der Soziologie, der Sozialen Arbeit und den Wirtschaftswissenschaften.
Die Systemtheorie ist somit bisher keine eigenständige Disziplin, sondern ein weitverzweigter und heterogener Rahmen für einen interdisziplinären Diskurs, der den Begriff System als Grundkonzept führt. Es gibt folglich auch nicht eine „Systemtheorie“, sondern eher eine Vielzahl unterschiedlicher, zum Teil widersprüchlicher und konkurrierender Systemdefinitionen und -begriffe. Es hat sich heute jedoch eine relativ stabile Reihe an Begriffen und Theoremen herausgebildet, auf die sich der systemtheoretische Diskurs bezieht.

3.1. Ein System - Begriffsbestimmung
Ein System ist ein Gebilde mit Eigenheit und mit inneren Gesetzmäßigkeiten, die beachtet werden müssen. Lebendige Systeme haben eigene Bedürfnisse und eigene Ziele.
Ein System ist ein organisatorisch zusammengehörender, von anderen Beobachtungsobjekten unterscheidbarer Sachverhalt, dessen innere Ordnung (= Struktur) durch seine Komponenten (= Elemente) und deren Beziehungen (= Relationen, nicht Kausalitäten) hervorgerufen wird.
Die Vielgestaltigkeit und Innergesetzlichkeit macht Vorhersagbarkeit nur bedingt möglich, feststellbar sind eher Makro-Eigenschaften, die über größere Bereiche (zeitlich, räumlich oder strukturell) festzustellen sind: z. B. Stabilität, Wahrscheinlichkeit, Mittelwerte, Qualität durch Quantität; die Vielgestaltigkeit und Innergesetzlichkeit erlaubt (folgerichtig) keine punktuelle oder mechanisch zu denkende Einflussmöglichkeit; stattdessen sind Handlungen sinnvoll wie Bereitstellung, Energie, Kommunikation, Lehren & Lernen, Austausch, Formung, Gestalt, ganzheitliche bzw. kombinierte Herangehensweise, Resonanz.
3.2. Systemdenken
Das Systemdenken in der Systemtheorie fasst die typischen Sichtweisen von Systemiker:innen zusammen:
- Systeme bestehen aus einer Vielzahl von Einheiten unterschiedlichster Art, die als Ganzes bestimmte Eigenschaften hervorbringen und aufrechterhalten.
- Systemgrößen sind nicht starr, sondern unterliegen einem ständigen Wandel.
- Auch Stabilität wird nur durch fortlaufende Aktivitäten erreicht.
- Prozesse stehen im Mittelpunkt der Betrachtung – nicht statische Zustände.
- Neben binären Unterscheidungen (z. B. schwarz-weiß, ja-nein) existieren viele analoge Größen, von denen manche analytisch nicht beschreibbar sind.
- Systemgrößen existieren nicht isoliert, sondern in wechselseitiger Abhängigkeit. Sie können fördernd oder hemmend auf andere Größen wirken.
- Regelkreise, Rückkopplungen und Prozesskreisläufe führen zu wiederkehrenden Mustern und stabilisieren bestimmte Eigenschaften eines Systems.
- Alle Systemteile sind selbst Systeme (oft als Subsysteme bezeichnet), die ihre Struktur, Energie und Aktivität in das Gesamtsystem einbringen – jedoch auch eigenständige Bereiche haben, die ihrer eigenen Steuerung unterliegen.
- Jeder Systemteil kann mehreren Systemen gleichzeitig angehören und dort unterschiedliche Funktionen erfüllen.
- Klassische und fachliche Sichtweisen (z. B. einfache Mechanik, lineares oder kategorisches Denken) dienen der Reduktion von Komplexität in größeren Systemen. Sie können für Teillösungen hilfreich sein, stoßen jedoch in dynamischen, vielschichtigen Zusammenhängen an ihre Grenzen. Eine ganzheitlichere, flexiblere Betrachtung ist oft erforderlich – ohne dabei Effektivitätsprinzipien zu vernachlässigen.
- Die Unterscheidung zwischen Systeminnerem und Außenwelt sowie deren Wechselwirkungen sind entscheidende Aspekte der Systembetrachtung.

3.3. Holismus und Verbundenheit der Elemente
Ein wichtiges Konzept systemischen Denkens ist der Holismus und die Verbundenheit der Elemente. Systeme werden als Ganzheit angesehen und alle existierenden Phänomene werden ganzheitlichen Zusammenhängen begriffen. Systeme sind folglich etwas anderes als die Summe ihrer Teile, was schon die Gestalttheorie und -psychologie formuliert hat. Die Teilkomponenten eines Systems wirken in einem Prozess komplexer Vernetzung und Wechselwirkung zusammen, wobei durch dieses Zusammenwirken auch die Systemelemente neue Qualitäten erhalten. Ein System kann dabei wiederum selbst als Teilelement in einem System hierarchisch nächsthöherer Ordnung fungieren (bottom up- Sichtweise) oder es kann eine Ganzheit künstlich immer weiter in Elemente und Subsysteme aufgespalten werden (top down-Sichtweise). „Lebende Systeme sind so organisiert, dass sie Strukturen auf mehreren Ebenen bilden, wobei jede Ebene aus Untersystemen besteht, die in Bezug auf ihre Teile Ganzheiten sind, und Teile in Bezug auf die größeren Ganzheiten“ (Capra 1991: 310). Ein Beispiel für eine solche hierarchische Ordnung von Systemen lautet: Atome - Moleküle - Zellen - Lebewesen - Ökosysteme.
Der systemische Ansatz geht sowohl analytisch als auch ganzheitlich vor. Einerseits werden übergeordnete Systemstrukturen in kleinere Teilkomponenten zergliedert, Grenzziehungen zwischen System und Umwelt durchgeführt und in verschiedene Systemebenen und Teilprozesse differenziert. Andererseits wird die Vernetzung dieser Elemente und Teile nicht vernachlässigt und immer wieder thematisiert und reflektiert. Im Bestreben, Aussagen über interessierende Phänomene zu machen, kommt man also nicht umhin, verschiedene Systeme voneinander zu unterscheiden, also analytische Trennungen in System und Umwelt, aber auch zwischen System und den bei der Emergenz (Entstehung) von Strukturen zusammenwirkenden Systemkomponenten vorzunehmen. Eine ausschließlich analytische Vorgehensweise der Trennung in Teilelemente ist aber schon deshalb keine zielführende Strategie, weil bei einer zu extremen Reduktion wesentliche Qualitäten des Ganzen und damit auch der Elemente verloren gehen.

3.4. Prozesshaftigkeit und Zielorientiertheit
Der systemtheoretische Ansatz betont – und dies ist eine weitere grundlegende Annahme – die Prozesshaftigkeit.
„Systeme“ bilden untrennbar mit dem Aspekt „Zeit“ eine Einheit. Sie bleiben als Prozesse in einer gewissen Zeit stabil oder verändern sich, und genau auf solche Entwicklungsprozesse richtet sich der Fokus der Betrachtung. Die Prozesse dynamischer Systeme werden zusätzlich unter dem Blickwinkel der Zielorientiertheit der Herstellung eines Fließgleichgewichts oder einer stabilen Systemstruktur betrachtet.
Der Systembegriff selbst zielt eben nicht auf statische, sondern auf dynamische Phänomene. „Die Welt ist ein Prozess. Sie ist nicht, sondern sie geschieht“, schreiben Cramer und Kämpfer (1991: 1), die der Zeit selbst eine zweifache Struktur zuschreiben. Demzufolge ist es nützlich, zwischen irreversiblen und reversiblen Prozessen zu unterscheiden: Der irreversible oder „evolutive“ Aspekt der Zeit fokussiert auf “einmalige“ Erlebnisse, wie etwa auf Geburt, Tod, Urknall, Freundschaft, Traum, Revolution und Kunstwerke. Diese zeitlich einmaligen, in ihrer speziellen Qualität nicht wiederholbaren Erlebnisse bedingen dabei unser Veränderungserleben. Letztlich ist jeder Moment in der Dynamik des Lebens in diesem Sinne „einmalig“, trotzdem erfährt der Mensch auch in großem Ausmaß zeitliche Stabilität. Dieser zyklische oder periodisch wiederkehrende und damit reversible Aspekt der Zeit lässt sich an Phänomenen wie Herzschlag, Uhren, traditionellen Riten, Gezeiten, Tag-Nacht-Zyklen ermessen und bedingt das Erleben von Kontinuität bis hin zu (einer scheinbaren) Starre und Unveränderlichkeit (J. Kriz, 1997).
Es stellt ein elementares, lebensnotwendiges Bedürfnis des Menschen dar, die unendliche Komplexität des Einmaligen zu reduzieren und geordnete, stabile oder reversible Prozesse zu konstruieren. Zyklische Prozesse garantieren Regelmäßigkeit, und diese Regeln sind die Grundlage für die Berechenbarkeit der Zukunft. Unterbrechungen der gewohnten Abläufe ermöglichen zwar Kreativität und Weiterentwicklung (vgl. die Redewendung vom kreativen Chaos), wirken aber zumeist auch bedrohlich im Sinne einer Störung der Ordnung. Eine als solche empfundene „Unordnung“ oder der Verlust an Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit des Geschehens löst vielfach Angst und Unsicherheit aus.

3.5. Offenheit und Dynamik von lebenden Systemen
Systeme sind in ihrer Entwicklung bestrebt, stabile Systemstrukturen herzustellen. Ein stabiles System muss aber nicht zwangsläufig auch statisch sein, wie dies fälschlicherweise oft angenommen wird. Schon der Begriff „Fließgleichgewicht“ (v. Bertalanffy: 1968) drückt zugleich auch Dynamik aus. Wie kann man sich eine solche dynamische Stabilität vorstellen?
J. Kriz (1997) gibt dazu ein eindrucksvolles Beispiel vom System „Kerze“ und vom System „Kerzenflamme“, das zur Veranschaulichung dynamischer Stabilität dienen kann:
„Elemente sind die Kerzen-Moleküle und die Relationen die räumlichen Beziehungen in der Anordnung dieser Moleküle. Solange sich die Moleküle und ihre räumlichen Anordnung nicht ändern (wir z.B. den Kerzenstummel nicht verbiegen) betrachten wir dieses System als stabil. Bei der Kerzenflamme hingegen ist es keineswegs die zeitliche Identität der Moleküle, die für die Stabilität des Systems relevant ist. Vielmehr werden ständig Moleküle aus der Kerze aufgesogen, verbrennen...und diffundieren in den Raum. Von Augenblick zu Augenblick sind somit immer neue Moleküle am Geschehen beteiligt. Was stabil bleibt, wenn wir von ‚der’ Flamme sprechen, ist somit die Struktur dieses dynamischen Prozesses.“
Systeme sind hinsichtlich jener Prozesse, welche der betrachteten Dynamik zugrunde liegen, sinnvoll nur als offene Systeme zu verstehen, die mit ihrer Umwelt über aktive Austausch- oder Interaktionsprozesse verbunden sind (u.a. Austausch von Materie, Energie), wobei im Rahmen psychischer und sozialer Systeme insbesondere Informationsaustauschprozesse eine wesentliche Rolle spielen.
Lebende Systeme (u.a. Menschen) sind prinzipiell offene dynamische Systeme. Nach v. Schlippe und Schweizer (1996) erklärt dies auch, dass sich wohl niemand wundern würde, wenn er am Auto eines Freundes eine Beule sieht, die nach einer Woche noch genauso vorhanden ist. Autobeulen sind nämliche eine Form statischer Stabilität. Verwunderlich würde es aber erscheinen, wenn man am Kopf eines Freundes eine Beule sieht, die nach einer Woche noch genauso sichtbar ist wie am ersten Tag. Zumindest würde man hier nachfragen, was derjenige hier getan oder nicht getan hat, um die Beule zu verheilen (Simon, 1997). Der Kopf eines Menschen ist eine Form dynamischer Stabilität. Durch Körperprozesse wird eine Form (wieder-)hergestellt und die Beule verschwindet. Pro Sekunde werden im Körper allein über 100 Millionen rote Blutkörperchen abgebaut und neue aufgebaut, Millionen Zellen sterben und werden neu erschaffen, die Körperform als Struktur einer Entwicklungsdynamik bleibt dabei relativ stabil. „Heilung“ zeigt zugleich, das lebende Systeme eine Eigendynamik besitzen, für die aber der Austausch mit der Umwelt über Systemgrenzen hinweg notwendig ist (z.B. durch Nahrungsaufnahme und Ausscheidung).

3.6. Rückkopplung
Die Wechselwirkung von System und Umwelt, aber auch das gemeinsame interaktive Zusammenwirken von Systemelementen innerhalb des Systems werden auch Rückkopplungsprozesse (auch Feedback oder Iteration genannt) realisiert. Rückkopplung ist ein zentraler Begriff, der aus der Kybernetik stammt und bei so genannten Regelkreisen eine wichtige Rolle spielt. Ein Anwendungsbeispiel ist die Temperaturkonstanthaltung in Kühlhäusern. Bei einem einfachen Regelkreis werden bestimmte Eingangsgrößen (Input aus der Umwelt in das System; z.B. Temperatur) mit einem Sollwert (angestrebter optimaler Zustand; z.B. – 20°C) durch eine Kontrollinstanz verglichen. Dieser Vergleich führt dann zu einem bestimmten Verhalten des Systems (Output; z.B. „Kühlen“), was wiederum zu einer Veränderung der Systemumwelt führt und als neuer Input an das System zurückgemeldet wird. Rückkopplungsprozesse ermöglichen sowohl die Aufrechterhaltung der Stabilität eines Systems (negative Rückkopplung) als auch in anderen Entwicklungsphasen die Veränderung von Systemen über selbstverstärkende Systemdynamik (positive Rückkopplung).
3.7. Nichtlinearität und Nachhaltigkeit
Eine lineare Entwicklung ist bei dynamischen Systemen selten und nur innerhalb begrenzter Zeitbereiche beobachtbar. Wenn Systeme oder Systemelemente in vernetzter, rückgekoppelter Weise zusammenwirken, treten in der Regel nicht lineare Dynamiken auf. Diese können sich etwa in exponentiellem Wachstum äußern.
In komplexeren Systemen sind häufig eine Reihe von verschiedenen positiven und negativen Rückkopplungsschleifen kombiniert.
Bei der erwähnten Kerzenflamme gibt es eine positive Rückkopplung (Vester, 1883). Je größer die Flamme wird, desto mehr Wachs schmilzt und wird vom Docht aufgenommen. Je mehr Wachs im Docht ist, desto größer wird wiederum die Flamme. Warum wächst demnach die Flammengröße tatsächlich nicht unendlich an? Abgesehen davon, dass die Wachsressourcen der Kerze begrenzt sind, existiert in diesem System auch eine negative Rückkopplung: Je größer die Flamme wird, desto schneller verbrennt das Wachs im Docht. Der Nachschub an Wachs kommt nicht mehr mit und der Docht selbst verglimmt und wird kürzer. Dadurch wird die Flamme wieder kleiner. Das Zusammenspiel der beiden Rückkopplungsschleifen führt zum „Flackern“. Das System pendelt sich aber in kurzer Zeit auf ein konstantes Gleichgewicht zwischen Verbrennung und Wachszufuhr ein.
Eine andere Erscheinungsform nichtlinearer Prozesse sind häufig beobachtbare plötzliche Entwicklungssprünge. Dabei werden Systemstrukturen in einer diskontinuierlichen selbstorganisierten Dynamik verändert und neue Ordnungszustände herausgebildet, oder Systeme sind durch eine chaotische Dynamik gekennzeichnet. Nichtlineare Systemprozesse können sich in einer Weise entwickeln, die sich dann der Vorhersagbarkeit, Berechenbarkeit und Kontrollierbarkeit entziehen. Die vom Menschen künstlich geschaffenen Veränderungen und dadurch ausgelösten Zerstörungen unserer natürlichen Lebensgrundlagen sind auf solche unkontrollierten Wachstumsprozesse zurückzuführen. Ein besonderes Problem ergibt sich aus der Irreversibilität mancher Prozesse.

4. Komplexität und systemisches Denken im Coaching
Systemisches Denken betrachtet Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Muster in einem System – sei es in Organisationen, Teams oder im individuellen Verhalten. Komplexität beschreibt dabei die Vielzahl an Elementen und Einflussfaktoren, die in einem System wirken und sich gegenseitig beeinflussen. In einem komplexen System gibt es nicht-lineare Dynamiken, sodass kleine Veränderungen große und unerwartete Effekte haben können. Systemisches Denken ermöglicht es, diese Vernetzungen zu erkennen und über isolierte Betrachtungsweisen hinaus ganzheitliche Lösungsansätze zu entwickeln.
Weshalb ist dieser Zusammenhang im Coaching wichtig?
Im Coaching ist es entscheidend, nicht nur einzelne Symptome oder Probleme zu
adressieren, sondern auch die dahinterliegenden Strukturen und Dynamiken zu
verstehen.
Coaches, die systemisch denken, können:
- Die Gesamtsituation erfassen: Indem sie Wechselwirkungen und systemische Muster identifizieren, erkennen sie, wie unterschiedliche Faktoren – wie persönliche Einstellungen, Teamstrukturen und organisatorische Rahmenbedingungen – zusammenwirken.
- Nachhaltige Veränderungen initiieren: Anstatt kurzfristige Maßnahmen zu ergreifen, fördern sie Lösungen, die das gesamte System positiv beeinflussen und langfristige Verbesserungen ermöglichen.
- Komplexität reduzieren: Durch Visualisierung und Analyse der systemischen Zusammenhänge wird Komplexität beherrschbarer und handlungsrelevante Muster werden sichtbar.
Ein Beispiel
Ein typisches Szenario im Coaching ist die Teamentwicklung. Hat ein Team eine Reihe
von Kommunikationsproblemen, könnte die naheliegende Annahme sein, dass
ausschließlich zwischenmenschliche Konflikte im Vordergrund stehen. Eine
systemisch denkende Herangehensweise betrachtet jedoch auch:
- Organisatorische Strukturen: Gibt es klare Rollenverteilungen oder transparente Entscheidungsprozesse?
- Externe
Einflüsse: Wie
wirken sich übergeordnete Unternehmensziele oder Marktveränderungen auf
das Team aus?
So könnte sich herausstellen, dass undurchsichtige Kommunikationswege und unklare Verantwortlichkeiten nicht nur die Teamdynamik belasten, sondern auch zu Missverständnissen führen.
Im Coaching würden daraufhin nicht nur die interpersonellen Beziehungen betrachtet, sondern auch den Prozessen und Strukturen berücksichtigen – was zu nachhaltigeren und systemübergreifenden Lösungen führt.
5. Transferaufgabe
· Finde ein Team aus deiner Arbeitswelt/Vereinsarbeit/Sportclub.
· Welchen immanenten Faktoren (Systemteile) welche externe (Umwelt-)Bedingungen haben Einfluss auf die Kommunikation im Team?
· Stell deine Überlegungen bitte visuell dar.
· Welche Einflussfaktoren müssten sich wie verändern, damit die Kommunikation besser wird?
· Welche Faktoren haben negative Einflüsse auf die Kommunikation?
· Tauscht euch dazu gerne in der Peer Gruppe aus.

6. Quellen
Bertalanffy, L.
von (1968): General
System Theory: Foundations, Development, Applications. New York: Verlag
George Braziller.
Capra, F. (1991): Wendezeit, Originaltitel: "The Turning Point. Bern: Scherzverlag und dtv.
Cramer, F. (1993): Chaos und Ordnung: Die komplexe Struktur des Lebendigen. Insel Verlag.
Kriz, J. (1997): Selbstorganisation: Wissenschaftstheorie und Philosophie des Selbstorganisationsansatzes. Verlag C.H. Beck.
Kriz, W. C. (2000): Lernziel: Systemkompetenz. Planspiele als Trainingsmethode. Göttingen: Vandenhoeck/Ruprecht.
Schlippe, A. von/ Schweitzer, J. (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
Senge, P. M. (2017): Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag, 11. Aufl.
Simon, F. B. (1997): Lebende Systeme: Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie. Suhrkamp.