7.4 Themenzentrierte Interaktion (TZI) – ein systemisch-humanistisches Modell für Gruppenprozesse
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| Kurs: | Showroom DUHN |
| Buch: | 7.4 Themenzentrierte Interaktion (TZI) – ein systemisch-humanistisches Modell für Gruppenprozesse |
| Gedruckt von: | Gast |
| Datum: | Dienstag, 3. Februar 2026, 05:42 |
Inhaltsverzeichnis
1. Die vier Faktoren der TZI – im ständigen Wechselspiel
Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) wurde von der Psychoanalytikerin und Gruppenpädagogin Ruth C. Cohn in den 1960er Jahren entwickelt. Ihr Ziel war, ein Modell zu schaffen, das Lernen, Arbeiten und persönliche Entwicklung in Gruppen lebendig, verantwortlich und beziehungsorientiert gestaltet.Der Kern ihres Modells umfass vier Bezugsgrößen:
- Ich –
die einzelne Person mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen, Werten, Zielen
Coachingrelevanz: Selbstklärung, Eigenverantwortung, persönliche Beteiligung.
- Wir –
die Gruppe als soziales System, mit ihrer Atmosphäre, Dynamik,
Rollenverteilung, Spannungen
Coachingrelevanz: Vertrauensaufbau, Gruppensicherheit, soziale Verantwortung.
- Es –
das Thema, der gemeinsame Arbeits- oder Lerngegenstand
Coachingrelevanz: Struktur, Zielorientierung, Ergebnisverantwortung.
- Globe/Umfeld –
der Kontext: institutionelle, gesellschaftliche, kulturelle
Rahmenbedingungen
Coachingrelevanz: Die Komplexität von Relationen, Anliegen etc. nicht zu vernachlässigen und alle wichtigen Bezugsgrößen mitdenken

2. TZI im Coaching
Kerngedanke: Entwicklung von Anliegen und Gruppen entsteht, wenn Ich, Wir und Es gleichwertig und situationsangemessen beachtet werden – unter Berücksichtigung des Globe.
TZI ist kein starres Regelwerk, sondern eine interaktive Haltung: Sie hilft, Komplexität menschlicher Interaktion bewusst zu gestalten – insbesondere dort, wo wir miteinander in Beziehung stehen: in Teams, Gruppen, dyadischen Settings oder Organisationen.
Die Themenzentrierte Interaktion ist ein dynamisches Orientierungsmodel, um Gruppenprozesse ganzheitlich zu leiten, ohne einzelne Perspektiven zu vernachlässigen – besonders wichtig im Gruppencoaching, wo Lernprozess, Beziehung und Reflexion eng miteinander verwoben sind.
Coaches, die mit TZI arbeiten, nehmen diese Vielschichtigkeit ernst: Sie begleiten nicht nur Prozesse, sondern schaffen einen Rahmen, in dem Menschen sich selbst, andere und das gemeinsame Anliegen in Beziehung bringen können – achtsam, handlungsfähig und im Kontext eingebettet.
Auch im Einzelcoaching bietet TZI wertvolle Orientierung: Die vier Bezugsgrößen (Ich, Wir, Es, Globe) helfen, innere Spannungsfelder differenziert zu beleuchten – etwa zwischen persönlichem Anliegen, beruflicher Rolle, zwischenmenschlichen Beziehungen und systemischen Rahmenbedingungen. So wird die:der Coachee eingeladen, sich selbst in ihrem:seinem größeren Beziehungs- und Wirkungszusammenhang zu reflektieren und stimmige, nachhaltige Lösungen zu finden.
Beispielhafte Verbindung:
- Wenn ein:e Teilnehmer:in (Ich) beim Thema (Es) emotional stark reagiert, beeinflusst das die Gruppendynamik (Wir) – z. B. durch Spannung oder Rückzug.
- Um damit gut umzugehen, braucht die Gruppe und der:die Coach:in Bewusstsein für diese Wechselwirkungen – das ist zentrale Haltung in der TZI.

3. Axiome und Postulate der TZI
Quelle:
Modellhandbuch 2coach

4. Warum TZI im Gruppencoaching besonders relevant ist
- Ganzheitlichkeit: TZI
unterstützt Coaches darin, sowohl Sachorientierung (Themenklärung) als
auch Beziehungsorientierung (Gruppendynamik) zu
balancieren.
- Selbstverantwortung
fördern: Jede:r Teilnehmende wird als aktive:r
Mitgestalter:in des Gruppenprozesses gesehen („Ich bin mein eigener
Chairperson“ – ein zentraler TZI-Leitsatz).
→ Das passt hervorragend zu Coachingzielen wie Selbstreflexion, Autonomie und Empowerment. - Störungen
als wichtige Signale: In TZI gilt: „Störungen haben
Vorrang“ – nicht im Sinne von Stören des Ablaufs, sondern als
Hinweise auf etwas Unausgesprochenes, das bearbeitet werden sollte.
→ Das hilft Coaches, nicht über Konflikte hinwegzuarbeiten, sondern sie konstruktiv in den Lernprozess einzubinden. - Rollenbewusstes Leiten: TZI bietet Coaches eine klare innere Haltung: zwischen Leitung, Begleitung, Zurücktreten und Strukturgeben – je nach Gruppengeschehen.

5. Anwendungsbeispiele
Klicke auf die "Hotspots" der vier Faktoren der TZI, um Beispiele zu sehen:
Diese vier Beispiele zeigen: TZI ist weniger eine Methode als eine Haltung, die die Komplexität von Gruppen ernst nimmt – und das Zusammenspiel von Person, Gruppe, Thema und Kontext aktiv gestaltet.
6. Übung: Teamleiterin im Einzelcoaching
Lies die Fallvignette und beantworte für dich im Workbook folgende Fragen:
Ich: Welche inneren Themen und Bedürfnisse zeigt die Klientin?
Wir: Welche zwischenmenschlichen Spannungsfelder sind sichtbar?
Es: Was ist das zentrale Sachthema im Anliegen?
Globe: Welche äußeren Rahmenbedingungen beeinflussen die Situation?
Fallvignette
Eine Teamleiterin kommt ins
Einzelcoaching mit dem Anliegen: „Ich fühle mich ständig zwischen
meinem Team und der Geschäftsleitung zerrieben. Ich will loyal sein – aber ich
merke, dass ich nicht mehr klar denke und abends erschöpft nach Hause gehe. Ich
frage mich, wie lange ich das noch aushalte.“
Im Laufe des Gesprächs berichtet
sie: Ihr Team sei in den letzten Monaten
überlastet, viele klagen offen über Entscheidungen „von oben“.
Die Geschäftsleitung verlange mehr
Tempo und Ergebnisse, spreche jedoch kaum mit dem Team direkt.
Sie selbst habe Angst, sowohl beim
Team als auch bei den Vorgesetzten an Rückhalt zu verlieren.
Gleichzeitig sei gerade ein neues
Projekt angelaufen, das ihr fachlich eigentlich sehr wichtig sei.
6.1. Lösungsbeispiel
Analyse nach TZI – die vier Bezugsgrößen:
- Ich:
Ihre persönliche Erschöpfung, Loyalitätskonflikte, das Gefühl des „Zerriebenwerdens“. Auch: ihr Wunsch nach Klarheit und innerer Stabilität.
Mögliche Handlungsmuster/Glaubenssätze, die hier wirksam sein könnten: z.B. „Ich muss es allen recht machen.“ (Perfektionismus, Harmoniebedürfnis), „Als Führungskraft darf ich keine Schwäche zeigen/Ich muss es schaffen, dass die Aufgabe gut erfüllt wird.“ Etc. - Wir:
Die Beziehung zu ihrem Team und zur Geschäftsleitung – beide „Lager“ haben Erwartungen an sie. Ihre Rolle als Bindeglied ist emotional aufgeladen.
Mögliche Handlungsmuster/Glaubenssätze, die hier wirksam sein könnten: „Ich bin das Bindeglied – und darf weder mein Team noch die Führung enttäuschen.“, „Wenn ich etwas anspreche, gefährde ich die Beziehung.“, „Ich bin verantwortlich für das Gelingen der Beziehungen.“ - Es:
Das neue Projekt, das objektiv-fachliche Thema – fachlich wichtig, inhaltlich spannend, aber in der aktuellen Dynamik schwer zu führen.
Mögliche (unbewusste) Handlungsmuster/Glaubenssätze, die hier wirksam sein könnten: „Ich darf fachlich nicht versagen – sonst verliere ich Respekt.“, „Ein gutes Projekt muss trotz widriger Umstände gelingen.“ - Globe:
Der organisationale Kontext: struktureller Druck, Kommunikationsmängel, hohe Belastungskultur.
Mögliche Handlungsmuster/Glaubenssätze/Normen, die hier wirksam sein könnten: „Wir dürfen nicht schwach wirken“, „Hier zählt nur Leistung – Gefühle haben keinen Platz., „Wer sich beschwert, gilt als nicht belastbar.“, „Führung bedeutet, Druck weiterzugeben – nicht abzufedern.
Kommentar: Mit Hilfe der vier Bezugsgrößen kannst du mit der Teamleiterin herausarbeiten:
- Was braucht sie selbst gerade/Welche Handlungsmuster sind bei ihr wirksam (Ich)?
- Welche Beziehungsmuster wirken? Wer braucht was (Wir)?
- Was erfordert die Sache/Aufgabe (Es)?
- Was ist strukturell bedingt und damit nicht allein lösbar (Globe)?
So entsteht Klarheit, wo Einfluss möglich ist – und wo Akzeptanz, Abgrenzung oder Kommunikation notwendig wird.

7. Reflexionsfragen für euch in Coachingprozessen
Diese Reflexionsfragen sollen unterstützen, die Prinzipien der Themenzentrierten Interaktion (TZI) auf deine eigene Haltung und Praxis als Coach:in zu beziehen. Du kannst die Fragen schriftlich beantworten, im Tandem besprechen oder als Grundlage für ein Peergruppentreffen nutzen.
1. Haltung & Leitung
👉 „Wie finde ich als Coach:in die Balance zwischen Leitung geben und Selbstverantwortung der Gruppe fördern – und wie zeigt sich das konkret in meinem Verhalten?“
2. Störungen haben Vorrang
👉 „Welche inneren oder äußeren Störungen neige ich dazu zu übergehen – und wie könnte ich mutiger damit umgehen, wenn ich mich an TZI orientiere?“
3. Authentizität und Rolle
👉 „Wie gelingt es mir, in meiner professionellen Rolle als Coach:in authentisch zu bleiben – ohne private Grenzen zu überschreiten?“
4. Gleichwertigkeit von Ich – Wir – Es
👉 „Wozu neige ich eher: zur Sachorientierung (Es), zur Beziehungsorientierung (Wir) oder zur Selbstbeobachtung (Ich)?
Wie kann ich bewusst ausgleichen?“
5. Arbeit mit dem Globe
👉 „Wie beziehe ich im Coaching die strukturellen, kulturellen oder organisationalen Rahmenbedingungen (Globe) mit ein, ohne die Gruppe damit zu überfordern?“
8. Zum Vertiefen
TZI Modell – THEMENZENTRIERTE INTERAKTION von Ruth
Cohn
Ein anschauliches Video, das das TZI-Modell mit Beispielen erläutert.
Themenzentrierte Interaktion
Dieses Video bietet eine leicht verständliche Einführung in die TZI.
Themenzentrierte Interaktion (TZI) nach R. Cohn
Ein kurzes Video, das die Grundlagen der TZI nach Ruth Cohn erklärt.
Mit Gruppen erfolgreich arbeiten? So geht's! – TZI anschaulich erklärt
Dieses Video zeigt, wie man das TZI-Modell erfolgreich in der Gruppenarbeit anwenden kann.
9. Literatur
Cohn, R. C. (2004). Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion: Von der Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle. Stuttgart: Klett-Cotta.
Ruth C. Cohn Institute for TCI-international (Hrsg.). (2020). TZI – Grundlagen, Praxis, Perspektiven. Stuttgart: Klett-Cotta.
Weingardt, B. (2011). Themenzentrierte Interaktion – Das Praxisbuch für Ausbildung, Beruf und Alltag. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
