3. Systemische Grundlagen und Prinzipien

3.4. Prozesshaftigkeit und Zielorientiertheit

Der systemtheoretische Ansatz betont – und dies ist eine weitere grundlegende Annahme – die Prozesshaftigkeit. 

„Systeme“ bilden untrennbar mit dem Aspekt „Zeit“ eine Einheit. Sie bleiben als Prozesse in einer gewissen Zeit stabil oder verändern sich, und genau auf solche Entwicklungsprozesse richtet sich der Fokus der Betrachtung. Die Prozesse dynamischer Systeme werden zusätzlich unter dem Blickwinkel der Zielorientiertheit der Herstellung eines Fließgleichgewichts oder einer stabilen Systemstruktur betrachtet.

Der Systembegriff selbst zielt eben nicht auf statische, sondern auf dynamische Phänomene. „Die Welt ist ein Prozess. Sie ist nicht, sondern sie geschieht“, schreiben Cramer und Kämpfer (1991: 1), die der Zeit selbst eine zweifache Struktur zuschreiben. Demzufolge ist es nützlich, zwischen irreversiblen und reversiblen Prozessen zu unterscheiden: Der irreversible oder „evolutive“ Aspekt der Zeit fokussiert auf “einmalige“ Erlebnisse, wie etwa auf Geburt, Tod, Urknall, Freundschaft, Traum, Revolution und Kunstwerke. Diese zeitlich einmaligen, in ihrer speziellen Qualität nicht wiederholbaren Erlebnisse bedingen dabei unser Veränderungserleben. Letztlich ist jeder Moment in der Dynamik des Lebens in diesem Sinne „einmalig“, trotzdem erfährt der Mensch auch in großem Ausmaß zeitliche Stabilität. Dieser zyklische oder periodisch wiederkehrende und damit reversible Aspekt der Zeit lässt sich an Phänomenen wie Herzschlag, Uhren, traditionellen Riten, Gezeiten, Tag-Nacht-Zyklen ermessen und bedingt das Erleben von Kontinuität bis hin zu (einer scheinbaren) Starre und Unveränderlichkeit (J. Kriz, 1997).

Es stellt ein elementares, lebensnotwendiges Bedürfnis des Menschen dar, die unendliche Komplexität des Einmaligen zu reduzieren und geordnete, stabile oder reversible Prozesse zu konstruieren. Zyklische Prozesse garantieren Regelmäßigkeit, und diese Regeln sind die Grundlage für die Berechenbarkeit der Zukunft. Unterbrechungen der gewohnten Abläufe ermöglichen zwar Kreativität und Weiterentwicklung (vgl. die Redewendung vom kreativen Chaos), wirken aber zumeist auch bedrohlich im Sinne einer Störung der Ordnung. Eine als solche empfundene „Unordnung“ oder der Verlust an Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit des Geschehens löst vielfach Angst und Unsicherheit aus.