5. Beobachtung und Wahrnehmung in komplexen Systemen
Komplexität erfordert ein genaues Hinsehen, das Entdecken von Details und das Erkennen von Mustern, die auf den ersten Blick verborgen sind. Sie tauchen plötzlich auf, verschwinden wieder und verlangen ein Navigieren durch eine dynamische Umgebung. Beständig ist davon auszugehen, dass sich etwas auch ganz anders ereignen könnte; also kontingenzbewusst zu handeln. Kontingenz und Beobachtung sind in komplexen Systemen wechselseitig verbunden. Bereits der kommunikative Vollzug – das Sprechen oder Schreiben über Komplexität – vereinfacht sie notwendigerweise und verwickelt sich zugleich in Widersprüche, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten, die Komplexität erneut erzeugen. Dieses Phänomen der Selbstreferentialität und Rekursivität, der verschachtelten Strukturen, begleitet jede Annäherung an Komplexität. Sie lässt sich nicht durch Reduktion bewältigen, vielmehr verlangt sie ein beständiges Oszillieren zwischen den Polen einfach und komplex, übersichtlich und unübersichtlich. Komplexität lässt sich also nicht fixieren, managen, lösen oder endgültig entscheiden – sondern sie lädt dazu ein, länger als üblich im Ungewissen und Vagen zu verweilen.
Durch Reflexion unserer eigenen Beobachtungsprozesse können wir ein besseres Gespür für die Vielschichtigkeit der Phänomene entwickeln, die wir erleben oder in denen wir navigieren müssen. Methoden wie systemisches Denken, Reflexionsfragen und Perspektivenwechsel helfen, Dynamiken in komplexen Systemen zu erkennen und flexibel darauf zu reagieren. Konzepte und Begriffe dienen als Instrumente, um Komplexität zu beschreiben. Eine Auswahl von Wahrnehmungsinstrumenten ermöglicht es, neue oder differenzierte Unterscheidungen zu treffen und damit eine reflektierte Auseinandersetzung mit komplexen Systemen zu fördern. Trotz inhärenter Unvorhersehbarkeit lassen sich in solchen Systemen übergeordnete Muster oder Regelhaftigkeiten identifizieren, die Orientierung bieten (Mainzer 2008: Komplexität. UTB).
Jedes Beobachten beinhaltet einen Blinden Fleck, da Beobachter:innen nicht gleichzeitig ihre eigene Perspektive reflektieren können. Dies zeigt, dass Wahrnehmung immer selektiv ist und nie ein vollständiges Bild der Realität liefern kann.
„Unsere Beobachtungsperspektive ist unser blinder Fleck: Wir können sie nicht vollständig beobachten, aber gleichzeitig ist sie unerlässlich, um überhaupt beobachten zu können.“ (Esposito. In: Richter 2024: Paradoxiemanagement in der Praxis, GIO 55, S. 2)
Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet, die eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu hinterfragen, um interkulturelle Dynamiken zu reflektieren und besser zu verstehen. Sie fokussiert auf die systemische und soziale Ebene der Wahrnehmung und untersucht, wie Beobachtungen innerhalb eines Systems oder Kontextes gemacht werden.