2. Einführung
Ein Beispiel: Was passiert, wenn ihr die Frage lest: „Ist Ihnen das Fehlen eines rosafarbenen Kängurus in diesem Raum vor meinem Hinweis aufgefallen?“ (Matthias Varga von Kibéd, zitiert nach v on Schlippe/Schweitzer 2019: 41).
Erst durch die Frage entsteht die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema und auch so regt ihr durch eure Fragen im Coachingprozess alternative Sichtweisen an.
Statt eine starre Problemdefinition zu akzeptieren, können Coachees durch gezieltes Fragen neue Interpretationen entwickeln. Eine zentrale Funktion systemischer Fragen besteht also darin, bestehende Wirklichkeitsbeschreibungen in sozialen Systemen zu erweitern, denn Fragen enthalten implizite Anregungen, die alternative Sichtweisen aufzeigen. Dadurch tragen sie wesentlich zur Auflösung festgefahrener Beschreibungen und Perspektiven bei.
Ein Beispiel: Eine Führungskraft beschreibt eine Kollegin: „Sie ist völlig respektlos“. Bereits mit der Frage „Was genau tut Ihre Kollegin, das Sie als respektlos empfinden?“ wird die Bewertung in eine Verhaltensbeschreibung umgewandelt. Weitere Fragen wie „Gibt es Situationen, in denen sie sich anders verhält?“ helfen, die Zuschreibung zu differenzieren. Weitere Fragen könnten lauten: „War das schon immer so oder hat es sich in letzter Zeit verändert?“, „Wie reagieren andere im Team darauf?“ oder „Angenommen, Ihre Kollegin würde sich respektvoller verhalten, wie würde sich das auf die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihrem Team auswirken?“. Der:die Coach kann durch eine Frage auch den Blick auf die Kontextbedingungen, die ein Verhalten bedingen, weiten: „Stellen Sie sich vor, ich bitte Sie nun, Ihre Kollegin dazu zu bringen, dass sie sich ‚respektlos‘ verhält, wüssten Sie, wie Sie das machen könnten?“
Dabei ist zu beachten, dass solche Fragen implizite Hypothesen enthalten und den Kommunikationsraum sowie die Möglichkeiten der Bedeutungsbildung innerhalb eines Systems beeinflussen – idealerweise auf eine konstruktive Weise; aber natürlich müsst ihr als interkulturelle Coaches auch immer eure eigenen Prägungen und euren eigenen beschränkten Wahrnehmungsraum im Hinterkopf behalten.
Im Folgenden möchten wir euch über die Implikationen, die unterschiedlichen Fragen zugrunde liegen, sensibilisieren, damit ihr sie im Vorfeld reflektieren und sie später bewusst in euren Coachings einsetzen könnt. Dies tun wir am Beispiel des Beginns einer Coaching-Sitzung:
Der Beginn eines Coaching-Gesprächs legt die Weichen für den weiteren Verlauf und auch für die Beziehungsbildung. Hier Beispiele für verschiedene Implikationen:
👉 „Wie ist es Ihnen seit Ihrer Entscheidung, dieses Coaching durchzuführen ergangen?(Lässt offene und breite Antworten zu.)
👉 „Was möchten Sie heute erreichen?“
(Orientiert das Gespräch an einem Ziel.)
👉 „Welche Frage sollte ich Ihnen heute zuerst stellen?"
(Gibt Coachees mehr Kontrolle über den Prozess.)
👉 „Was ist seit Ihrem letzten Coaching-Gespräch positiv verlaufen?"
(Lenkt den Fokus auf Fortschritte.)
👉 „Wenn die Sitzung erfolgreich war, woran würden Sie das merken?"
(Lässt Coachees ein konkretes Ziel formulieren.)
👉 „Was müsste passieren, damit dies heute Ihr letztes Coaching ist?"
(Eröffnet die Perspektive eines erfolgreichen Abschlusses.)
