4. Wirklichkeits- und Möglichkeitskonstruktion

4.3. Skalierungsfragen als Instrument der Wirklichkeits- und Möglichkeitskonstruktion

Wie bereits im Video zur Prozess- und Strukturperspektive angedeutet, können Skalierungen und Quantifizierungen dazu beitragen, komplexe Anliegen greifbarer zu machen. Skalierungsfragen werden genutzt, um Fortschritte, Veränderungsprozesse oder die Intensität von Emotionen zu messen und dadurch besser besprechbar zu machen. Sie eröffnen eine strukturierte Betrachtung sowohl von Problemen als auch von Ressourcen und unterstützen die Zielentwicklung sowie die Überprüfung von Fortschritten.

Diese Art der Fragen dient als Vereinfachung, die die Selbstreflexion anregt und Klient:innen dabei hilft, mit Komplexität umzugehen. Entscheidend ist jedoch, dass die reine Quantifizierung nicht das Endziel bleibt. Vielmehr bildet sie den Ausgangspunkt für vertiefende Fragen, die neue Perspektiven eröffnen.

Beispiele für Skalierungsfragen:

a) Beispiel aus einem Einzelcoaching (Arbeitsalltag und Stresslevel)

Skalierungsfrage:
„Wie würden Sie auf einer Skala von 1 bis 10 Ihren aktuellen Arbeitsalltag bewerten? 10 steht für unbeherrschbar, 0 für absolut beherrschbar.“


Wirklichkeitskonstruktion:

  • „Was trägt dazu bei, dass Sie sich bei einer 8 und nicht bei einer 10 sehen?“
  • „Welche Faktoren haben dazu geführt, dass es nicht noch belastender ist?“
  • „Gibt es Personen oder Umstände, die dazu beigetragen haben, dass Sie die aktuelle Stufe erreicht haben?“

Möglichkeitskonstruktion:

  • „Angenommen, Ihr Stresslevel würde auf eine 7 oder 6 sinken – woran würden Sie das bemerken?“
  • „Gab es bereits Momente, in denen Sie eine 7 oder 6 erreicht haben? Was war damals anders?“
  • „Welche kleine Veränderung könnte den größten Unterschied machen, um in diese Richtung zu kommen?“

b) Beispiel aus einem Individualcoaching (Arbeitsaufgaben als Kuchenstück-Analogie)

Skalierungsfrage (Metapher):
„Stellen Sie sich vor, Ihre Arbeitsaufgaben wären in einem Kuchendiagramm dargestellt. Welche Kuchenstücke wären darin enthalten, und wie groß wären sie?“


Wirklichkeitskonstruktion:

  • „Wie schmecken die einzelnen Kuchenstücke? Gibt es bittere oder besonders süße?“
  • „Welche Stücke nehmen den meisten Raum ein? Welche weniger?“
  • „Was sagt diese Verteilung über Ihre aktuelle Arbeitssituation aus?“

Möglichkeitskonstruktion:

  • „Wie würde Ihr idealer Arbeitskuchen aussehen?“
  • „Welche Zutaten bräuchte er, um möglichst ausgewogen und schmackhaft zu sein?“
  • „Wer könnte mit daran mitwirken, um ihn so zu gestalten, dass er Ihnen besser schmeckt?“

c) Beispiel aus einem Teamcoaching (Arbeitsabläufe im Team optimieren)

Skalierungsfrage:
„Auf einer Skala von 1 bis 100: Zu wie viel Prozent sind die Arbeitsabläufe in Ihrem Team reibungslos organisiert?“

Wirklichkeitskonstruktion:

  • „Gibt es unterschiedliche Einschätzungen innerhalb des Teams? Falls ja, woran könnte das liegen?“
  • „Wie würde der Abteilungsleiter diese Frage beantworten? Wo könnten Unterschiede in der Wahrnehmung bestehen?“
  • „Wenn Sie ein Team betrachten, das in diesem Bereich schlechter abschneidet: Was könnten Sie sich von ihm abshcauen um noch schlechter abzuschneiden?“ (=paradoxe Frage)

Möglichkeitskonstruktion:

  • „Welche konkreten Maßnahmen könnten dazu beitragen, um auf der Skala um 10 Punkte zu steigen?“
  • „Welche kleinste Veränderung könnte die größte Wirkung haben?“
  • „Was wäre der erste Schritt, um diese Veränderung einzuleiten?“