3. Systemische Grundlagen und Prinzipien

3.5. Offenheit und Dynamik von lebenden Systemen

Systeme sind in ihrer Entwicklung bestrebt, stabile Systemstrukturen herzustellen. Ein stabiles System muss aber nicht zwangsläufig auch statisch sein, wie dies fälschlicherweise oft angenommen wird. Schon der Begriff „Fließgleichgewicht“ (v. Bertalanffy: 1968) drückt zugleich auch Dynamik aus. Wie kann man sich eine solche dynamische Stabilität vorstellen?

J. Kriz (1997) gibt dazu ein eindrucksvolles Beispiel vom System „Kerze“ und vom System „Kerzenflamme“, das zur Veranschaulichung dynamischer Stabilität dienen kann:

„Elemente sind die Kerzen-Moleküle und die Relationen die räumlichen Beziehungen in der Anordnung dieser Moleküle. Solange sich die Moleküle und ihre räumlichen Anordnung nicht ändern (wir z.B. den Kerzenstummel nicht verbiegen) betrachten wir dieses System als stabil. Bei der Kerzenflamme hingegen ist es keineswegs die zeitliche Identität der Moleküle, die für die Stabilität des Systems relevant ist. Vielmehr werden ständig Moleküle aus der Kerze aufgesogen, verbrennen...und diffundieren in den Raum. Von Augenblick zu Augenblick sind somit immer neue Moleküle am Geschehen beteiligt. Was stabil bleibt, wenn wir von ‚der’ Flamme sprechen, ist somit die Struktur dieses dynamischen Prozesses.“

Systeme sind hinsichtlich jener Prozesse, welche der betrachteten Dynamik zugrunde liegen, sinnvoll nur als offene Systeme zu verstehen, die mit ihrer Umwelt über aktive Austausch- oder Interaktionsprozesse verbunden sind (u.a. Austausch von Materie, Energie), wobei im Rahmen psychischer und sozialer Systeme insbesondere Informationsaustauschprozesse eine wesentliche Rolle spielen.

Lebende Systeme (u.a. Menschen) sind prinzipiell offene dynamische Systeme. Nach v. Schlippe und Schweizer (1996) erklärt dies auch, dass sich wohl niemand wundern würde, wenn er am Auto eines Freundes eine Beule sieht, die nach einer Woche noch genauso vorhanden ist. Autobeulen sind nämliche eine Form statischer Stabilität. Verwunderlich würde es aber erscheinen, wenn man am Kopf eines Freundes eine Beule sieht, die nach einer Woche noch genauso sichtbar ist wie am ersten Tag. Zumindest würde man hier nachfragen, was derjenige hier getan oder nicht getan hat, um die Beule zu verheilen (Simon, 1997). Der Kopf eines Menschen ist eine Form dynamischer Stabilität. Durch Körperprozesse wird eine Form (wieder-)hergestellt und die Beule verschwindet. Pro Sekunde werden im Körper allein über 100 Millionen rote Blutkörperchen abgebaut und neue aufgebaut, Millionen Zellen sterben und werden neu erschaffen, die Körperform als Struktur einer Entwicklungsdynamik bleibt dabei relativ stabil. „Heilung“ zeigt zugleich, das lebende Systeme eine Eigendynamik besitzen, für die aber der Austausch mit der Umwelt über Systemgrenzen hinweg notwendig ist (z.B. durch Nahrungsaufnahme und Ausscheidung).