Der Fall Gisèle Pelicot - von lokaler Begebenheit zu globalen Reaktionen

von Nina Bredereck -

Der Fall Gisèle Pelicot beschreibt einen Missbrauchsfall einer Ehefrau durch ihren Ehemann in Frankreich. Dieser hat seine Frau über Jahre hinweg unter Schlaf- und Beruhigungsmittel gesetzt. Anschließend bot der Ehemann seine Frau bewusstlos über Online-Foren fremden Männern zum Missbrauch an, beteiligte sich auch selbst. Nur durch einen Zufall konnte der Täter überführt werden. Der anschließende Prozess fand öffentlich statt. (vgl. tagesschau 17.09.2024)

Daraufhin gab es eine große Debatte in Frankreich um Gewalt an Frauen. Diese wurde begleitet von Demonstrationen gegen sexuelle Gewalt. Es gab viele Solidaritätsbekundungen, auch weltweit als Reaktion. (vgl. dlf 15.09.2024
In Deutschland bspw. gingen die Reaktionen so weit, dass Männer ebenfalls Verantwortung tragen sollten (vgl. Deutschlandradio Kultur, 18.02.2026) und nach einem Zitat von Pelicot, die Scham die Seiten wechseln müsse (vgl. NDR 09.03.2026). 
Die Welle der Solidarität schwappte weiter in die Social Media-Welt über. Auf Instagram ging exemplarisch das Lied „Nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann…“ mit verschiedenen Interpretationen viral. Darüber hinaus solidarisierten sich Männer auf Instagram mit Frauen und betonten die Notwendigkeit, Frauen zu unterstützen, indem rechtzeitig bspw. bei frauenfeindlichen oder sexistischen Äußerungen bereits verbal eingeschritten werden sollte. Hier findet sich dazu ein Beispiel von vielen. 

In Deutschland schloss sich eine strukturelle gesellschaftliche Debatte an. Das Bundesamt für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend verweist auf seiner Webseite darauf, dass jede dritte Frau in ihrem Leben mit sexualisierter Gewalt in Berührung kommt. Der Fall rückte das oft tabuisierte Thema der Vergewaltigung durch K.o.-Tropfen und Medikamente in den öffentlichen Fokus. Weltweit wurde und wird diskutiert, dass struktureller Sexismus kein Randphänomen ist (vgl. SpiegelMagazin Instagram). Die weltweiten und insbesondere die französischen Debatten haben den Druck auf die Politik erhöht. Beispielsweise hat die Bundesregierung in Deutschland den Opferschutz verschärft und Strafen für Vergewaltigungen unter Einsatz von K.o.-Tropfen angehoben (vgl. Bundesregierung: 13.05.2026 ).

Dadurch gilt Gisèle Pelicot heute als weltweites Vorbild der aktuellen Frauenbewegung. Anfang 2026 veröffentlichte sie ihre Memoiren unter dem Titel „Hymne an das Leben“ (Hymne à la vie), um anderen Betroffenen Mut zu machen (vgl. tagesschau 17.02.2026 und 

). Vermutlich auch deswegen erlangt der Fall Fernandes gegen Ulmen ebenfalls so große mediale Reichweite. Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes berichtet von digitaler Vergewaltigung durch ihren damaligen Ehemann Christian Ulmen. Dieser habe über Jahre hinweg unter ihrem Namen Menschen angeschrieben sowie pornografische Deepfakes von ihr verbreitet. Sie kritisiert die deutsche Gesetzeslage dazu. Bis zur strafrechtlichen Aufarbeitung gilt die Unschuldsvermutung. (vgl. tagesschau 14.04.2026 und ) Auch hier gibt es genügend (berühmte) Stimmen, die Fernandes Vorwürfe relativieren, indem sie zum Beispiel "Kritik an gesellschaftlicher Zuspitzung üben" (Stern 16.04.2026). Trotzdem gibt es viele Solidaritätsbekundungen und auch Bezüge zum Fall Pelicot, wie bspw. die der Kollegin Pheline Roggan, dass „die Scham endlich die Seiten wechselt“ (Stern 20.03.2026). 
Damit zeigt sich das diese kulturellen Akteursfelder durch vernetzte Dynamiken gekennzeichnet sind und auf Grund der schnellliebigen medialen Verbreitung einer hohen/disruptiven Veränderungsdynamik unterliegen.

Akteur:innen: 
  • Gisèle Pelicot und Ehemann
erweiterter Akteur:innenkreis: 
  • Medien
  • Politik/Regierungen
  • Collien Fernandez und Christian Ulmen
lokale Ebene:
  • Missbrauchsfall Gisèle Pelicot durch Ehemann
  • Solidaritätsbekundungen, Demonstrationen sowie mediale Aufarbeitung in Frankreich
globale Ebene:
  • Solidaritätsbekundungen, Demonstrationen
  • parallele Fälle bzw. Fälle sexualisierter Gewalt, die sich trauten öffentlich darüber zu sprechen
  • mediale Begleitung sowie Bekundungen oder auch Gegensprechende

Tesla Takedown (2025) – ein glokales Ereignis

von Isabelle Widmer -

Als Beispiel habe ich die Protestbewegung „Tesla Takedown" gewählt, die Anfang 2025 entstanden ist. Der Auslöser war eigentlich eine politische Entscheidung in den USA: Elon Musk übernahm die Leitung des sogenannten Department of Government Efficiency (DOGE) unter Trump und war damit direkt verantwortlich für massive Entlassungswellen im US-Bundesapparat. Was dann passierte, hat wohl kaum jemand so erwartet.

Am 15. Februar 2025 riefen ein Hollywoodschauspieler und eine Medienwissenschaftlerin auf Bluesky zum Boykott von Tesla auf – und innerhalb weniger Wochen fanden über 200 Protestaktionen an Tesla-Standorten statt, nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada, Deutschland, Großbritannien und weiteren Ländern. Ganz ohne zentrale Organisation, einfach über Hashtags wie #TeslaTakedown koordiniert.

Warum ist das glokal?

Der interessante Punkt ist: Musk hat bei DOGE politische Entscheidungen in Washington getroffen – aber der Protest entlud sich vor Ort an Tesla-Filialen weltweit. Tesla wurde zum greifbaren Symbol für etwas viel Größeres. Das ist typisch glokal: Der Auslöser ist global, die Aktion findet lokal statt – und die lokalen Aktionen befeuern wiederum die globale Debatte.

Die Akteure und ihre Beziehungen

Was den Fall analytisch spannend macht, ist Musks Doppelrolle: Er ist gleichzeitig Unternehmer und staatlicher Machtakteur. Das macht Tesla zu einem politischen Ziel, obwohl das Unternehmen selbst gar keine politischen Entscheidungen getroffen hat. Soziale Medien haben dabei als Verstärker funktioniert – jede lokale Protestaktion produzierte neue Bilder und Berichte, die wieder neue Leute mobilisierten. Dazu kam noch eine interessante Rückkopplung durch staatliche Akteure: Als die US-Justizministerin öffentlich drohte, Vandalen zu verfolgen, sorgte das nicht für Beruhigung, sondern heizte die Stimmung weiter an.

Was mich besonders überrascht hat: Die Bewegung lief sogar weiter, nachdem Musk DOGE bereits verlassen hatte. Sie hatte sich von ihrem eigentlichen Auslöser gelöst und eine eigene Dynamik entwickelt – das ist für mich das deutlichste Zeichen für echte Eigendynamik.

Insgesamt finde ich das Beispiel sehr passend, weil es zeigt, dass glokale Ereignisse heute nicht mehr zwingend einen großen Skandal brauchen. Manchmal reicht eine politische Personalentscheidung, ein globales Unternehmen als Zielscheibe – und soziale Medien, die beides miteinander verbinden.

Quellen: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tesla_Takedown

https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/gesellschaft/id_100657110/-tesla-takedown-global-proteste-gegen-den-tech-milliardaer-elon-musk

https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/demo-tesla-beamte-100.html



Ein Konflikt zwischen globalen Handelsinteressen (EU-Kommission) und lokalen Existenzängsten

von Maja Störmer -

Beitrag von Sophie: 

Ein Konflikt zwischen globalen Handelsinteressen (EU-Kommission) und lokalen Existenzängsten

Worum geht es? Abkommen zwischen EU und Mercosur: Die Verhandlungen laufen seit über 25 Jahren. Am 17. Januar 2026 wurde das Handelsabkommen unterzeichnet. Ab 1. Mai ist der Handelsteil des Abkommens vorläufig in Kraft getreten. Für den zweiten Teil des umfassenderen Partnerschaftsabkommens müssten alle nationalen Parlamente der EU- sowie Mercosurstaaten ratifizieren (kann sich Jahre ziehen). Das Ergebnis wäre der größte Freihandelsraum der Welt (über 700 Millionen Menschen) für einen gemeinsamen Handelsraum. Besonders umstritten ist der Agrarsektor. Dieser stößt auf Widerstand bei Landwirten und Umweltschützern, besonders in Frankreich, Europas größtem Agrarproduzenten. Französische Landwirte blockierten am Tag vor der Abstimmung Straßen in Paris und überrannten Polizeikontrollen, um die Unterzeichnung zu verhindern. 

Beteiligte Akteure und ihre Interessen:

Direkte Akteure:

  • EU (27 Mitgliedstaaten)
  • Mercosur (5 Mitgliedstaaten und 7 assoziierte Staaten)
  • wichtige Handelspartner
  • EU Unternehmen
  • Agrarsektor: europäische Landwirte und Bauernverbände > Angst vor Konkurrenz billiger Produkte aus Südamerika
  • Gewerkschaften > mangelnde Umsetzung der ILO-Arbeitsrechtsnormen
  • Umweltorganisationen und indigene Völker > Gefährdung des Amazonas und Einsatz von Pestiziden und Antibiotika

 Indirekte Akteure:

  • China > Rohstoffabhängigkeit von China verringern
  • USA > Zeichen gegen Protektionismus
  • mögliche neue Arbeitsplätze (langfristig)

Beziehungen und Interaktionen:

globale Ebene:

  • EU und Mercosur Staaten:
    • größter Freihandelsraum der Welt; wirtschaftliche, politische und soziale Beziehungen vertiefen
    • Gegengewicht zur wirtschaftlichen Dominanz Chinas aufbauen
    • politisches Signal gegen zunehmenden Protektionismus der USA

 lokale Ebene:

  • Abkommen wirkt sich auf alle Bewohner der Mitgliedstaaten aus
  • europäische Landwirte fühlen sich in ihrer Existenz bedroht und protestieren > versuchen die Regierungsebene zu erreichen

Erklärungsversuch: Alle Akteure von globaler bis hin zu lokaler Ebene sind miteinander vernetzt. Das Netzwerk ist sehr komplex, da es viele beteiligte Akteure gibt (Bsp. Mitgliedsstaaten). Die Akteure haben unterschiedliche Ziele und Perspektiven, die es gilt zu vereinen, was sich wiederum auf unterschiedlichen Ebenen abspielt von (geo-) politischen, wirtschaftlichen, umweltlichen und sozialen Interessen. Teilweise überschneiden sich Interessen, weshalb seit so vielen Jahren immer noch weiterverhandelt wird. Diese sich überschneidenden Interessen sind eher auf globaler Ebene zu finden (herausgezoomt erscheint es homogener), denn desto weiter es ins lokale geht, scheiden sich die Geister, da z.B. die französischen Landwirte rein auf ihre lokale Ebene blicken (hingezoomt). Die Interessen auf globaler Ebene werden wiederum von weiteren globalen Faktoren unter Druck gesetzt, wie der wachsenden wirtschaftlichen Dominanz Chinas. Besonders über den langen Zeitraum hinweg wird deutlich, wie prozesshaft das ganze Vorhaben ist, da sich sowohl globale Gegebenheiten (Bsp. China oder zunehmender Protektionismus der USA) als auch lokale (z.B. steigende Existenzängste wegen strengerer EU-Auflagen im Agrarsektor) ständig im Wandel befinden. Hier versuchen die EU-Kommission und Mercosur in diesem Fluss Struktur herzustellen durch verbindliche Regeln, die selbst auch teilweise wandelbar bleiben sollen (z.B. die Schutzklauseln ggf. Zölle wieder zu erhöhen). Allein schon der Umstand, dass es darum geht, einen gemeinsamen Handelsraum zu schaffen (gemeinsames Akteursfeld), weist auf eine relationale Netzwerkperspektive hin, es geht um weltweite Vernetzung. Die hohe Komplexität führt zu großer Unsicherheit: es benötigt eine Perspektive der Interkulturalität. Neue Regeln, ein neues Miteinander muss erst ausgehandelt werden. Es gibt dementsprechend noch keine Konventionalisierungen und somit keine Handlungssicherheit, welche sich jedoch insbesondere die lokalen Akteure zu wünschen scheinen, da sie emotional mit Angst auf diese Unsicherheit reagieren und Sicherheiten fordern, die es noch nicht geben kann. Ihnen scheint nicht bewusst zu sein, dass sie sich inzwischen in einer BANI-Welt befinden. Wie können nun die globalen Akteure wie die EU-Kommission diesen (unrealistischen) Forderungen begegnen? Mit dem VOPA+ Modell (Vernetzung, Offenheit, Partizipation, Agilität und Vertrauen)? All diese Faktoren scheinen notwendig, um ein solches Abkommen irgendwann einmal zur Realität werden zu lassen. Gleichzeitig wehren sich die Widerständler insbesondere auf lokaler Ebene genau gegen genau diese Werte. Also doch besser die Existenzangst ernst nehmen und bei der Wurzel packen? Wie macht man das? Hierfür würde ich nun in eine psychologische Richtung weiterüberlegen. Das ist wichtig, denn ich glaube, dass Angst eher Polarisierung anstatt Miteinander schafft.

Quellen:

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574931/das-eu-mercosur-abkommen/

https://www.tagesschau.de/ausland/europa/mercosur-abkommen-proteste-100.html

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/mercosur-auf-dem-weg-2398594