Zooming

Zooming

von Stefan Letsch -
Anzahl Antworten: 1

Ich lade erstmal die Bilder hoch und löse später auf.


Microperspektive

Microperspektive

Mesoperspektive

Mesoperspektive

Makroperspektive

Makroperspektive

Als Antwort auf Stefan Letsch

Re: Zooming

von Stefan Letsch -
Betreff: Anwendungsaufgabe 4 – Zooming auf Google Street View (Ein „Tani“-Fabelkapitel)​

Liebe Mitstreiterinnen,

hier kommt meine Ergänzung zur vierten Anwendungsaufgabe (Zooming auf Google Street View). Wie schon bei den vorherigen Aufgaben habe ich meine Lösung noch in ein kurzes Fabelkapitel aus meiner metaphorischen Heldenreise „Tani“ (www.stefanletsch.com/tani) übersetzt.

Als Beispiel für diese Aufgabe habe ich mir Aufnahmen aus dem Miniatur Wunderland in Hamburg angesehen.

Hier ist meine „getanifyte“ Antwort und die anschließende wissenschaftliche Analyse:

Das Fabelkapitel: Die Welt der winzigen Züge Auf seiner Reise durch die große Hafenstadt fand Tani ein verlassenes Gebäude. Als er durch ein Fenster im Erdgeschoss spähte, traute er seinen Augen kaum: Er sah winzige Schienen, auf denen ein vollkommen realistisch wirkender, kleiner Zug schnaufend durch eine Berglandschaft fuhr. Wenn er sein Gesicht ganz nah an die Scheibe drückte, füllte diese kleine Szene sein gesamtes Sichtfeld aus. Es sah aus wie die absolute, unumstößliche Realität.

Doch dann erinnerte sich Tani an das magische Fernrohr, das er bekommen hatte, und an die Kunst des Linsen-Wechselns.

Er trat ein paar Schritte zurück und wechselte die Linse auf die mittlere Distanz. Plötzlich sah er nicht mehr nur den Zug. Er sah, dass die Berglandschaft auf Holztischen in einer riesigen Halle aus rotem Backstein aufgebaut war. Er sah die Schöpfer dieser Welt und die staunenden Besucher, die durch die Kanäle der Speicherstadt fuhren. Der Zug war nicht mehr die ganze Welt – er war Teil einer Ausstellung.

Schließlich stieg Tani auf den höchsten Turm der Stadt und blickte durch die Linse der Riesen. Von hier oben verschwanden die Züge, die Tische und sogar die Backsteingebäude völlig. Er sah nur noch die Umrisse eines riesigen Landes mit echten Flüssen, Autobahnen und echten Zügen, in dem die Hafenstadt nur noch ein kleiner, markierter Punkt auf einer großen Karte war.

Tani lächelte. Wenn er nur durch das Fenster gestarrt hätte, hätte er ein Spielzeug für die echte Welt gehalten. Wenn er nur vom Turm geschaut hätte, hätte er das Wunder des kleinen Zuges nie entdeckt. Erst der ständige Wechsel der Linsen zeigte ihm die ganze Wahrheit.

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Die wissenschaftliche Brille (Analyse am Beispiel Miniatur Wunderland)​

Mein Street-View-Beispiel aus dem Miniatur Wunderland in Hamburg illustriert präzise die strukturprozessualen Perspektiven der kulturellen Akteursfeldbeschreibung aus Modul 6:

1. Die Mikroperspektive (Der Nahzoom auf den Zug):​ In der maximalen Vergrößerung sehe ich bei Google Street View nur die winzigen Bahnschienen und den Zug, der absolut realistisch wirkt. Auf die Kulturwissenschaft übertragen ist dies der ethnographische Blick (die „dichte Beschreibung“). Ich sehe heterogene, spezifische Details eines Einzelfalls. Die Gefahr hierbei: Wenn ich nicht herauszoome, verliere ich die Orientierung und halte dieses winzige Detail (den Zug) für das gesamte, absolute System.

2. Die Mesoperspektive (Die Speicherstadt):​ Zoome ich auf Google Street View ein Stück heraus, sehe ich plötzlich die Backsteingebäude der Hamburger Speicherstadt, die Besucher und den Kontext der Ausstellung. Dies ist die mittlere Distanz der Akteursfeldbeschreibung. Hier werden lokale Regeln, soziale Gruppen und kommunikative Stile sichtbar. Ich erkenne die konkrete Einbettung (den Kontext) des mikroperspektivischen Details.

3. Die Makroperspektive (Die Deutschlandkarte):​ Zoome ich komplett heraus, schaue ich von oben auf die Landkarte Deutschlands. Das Miniatur Wunderland ist nur noch ein winziger Punkt in Hamburg. Diese Strukturperspektive ist extrem generalisierend. Sie reduziert Komplexität radikal und bietet mir grobe Orientierung (Wo befinde ich mich?). Die Gefahr der Makroperspektive ist jedoch die Stereotypisierung: Die wundervolle Vielfalt und das pulsierende Leben der kleinen Züge (Mikroebene) sind von hier oben nicht mehr erkennbar; das Land wirkt wie ein homogener „Container“.

Fazit:​ Wie Benoît Mandelbrot am Beispiel der Grenzlängenmessung (fraktale Geometrie) gezeigt hat, ist Kultur eine Frage der Perspektive (Zooming). Wahre interkulturelle Kompetenz bedeutet, weder in der mikroperspektivischen Detailversessenheit noch in makroperspektivischen Stereotypen steckenzubleiben, sondern das Perspektivenwechseln als dynamischen Prozess zu beherrschen.

Meine Frage an euch:​ Passiert es euch in eurem Berufsalltag auch manchmal, dass ihr (oder eure Führungskräfte) so sehr in der Makroperspektive feststeckt, dass ihr die entscheidenden, kleinen „Züge“ eurer Mitarbeiter an der Basis völlig überseht? Oder verliert ihr euch eher in der Mikroperspektive und vergesst dabei das große Ganze?