Stereotype in interkulturellen Trainings

Stereotype in interkulturellen Trainings

von Malte Mordeja -
Anzahl Antworten: 1

Die Problematik liegt hier meiner Meinung nach in dem latenten Versuch der Distanzierung von Stereotypen, der durch die gleichzeitige Reproduktion der Stereotypen selbst leider zu Verfestigung Selbiger führen kann.

Wie reagiert ihr? Wie entkräftet ihr die Argumentation?

Ich würde sowohl vor dem Herunterspielen („wir wissen doch alle“) der Gefahren von Stereotypen warnen als auch vor der definitorischen Trennung zwischen "Stereoytpen" und "Vorurteilen", weil Stereotype - wie in Vorlesung 12 beschrieben - in der Praxis oft ebenso als Urteile geäußert werden, weshalb die Unterscheidung eher als gekünstelter Versuch einer Distanzierung zur eigenen vermeintlich interkulturell unsensiblen Kommunikation wirkt. Im Sinne von: „Ich kenne die Definition von Vorurteilen, also kann ich keine haben“ analog zu „Ich habe selbst schwule Freunde, also kann meine Äußerung nicht homophob sein“ oder „Meine Frau ist Latina, also kann ich kein Rassist sein“.

Was vollzieht sich für die TN und wie sieht es mit dem Umgang von Unsicherheit aus?

Das hängt glaube ich stark von vielen Faktoren ab, z. B. dem interkulturellen Vorwissen, Erfahrungswerten, Bildungsgrad oder auch Typ und Dauer des anstehenden Auslandsaufenthalts. Manchen TN mögen Stereotype im Sinne von Kulturstandards vermeintliche Sicherheit geben, anderen ist das zu eindimensional.

Herausforderung:

Wie gelingt es, Stereotype zu dekonstruieren, ohne sie gleichzeitig zu reproduzieren? 

Mögliche Lösungsansätze:

o   Einsatz von Flexitypen: Empfehlung an die TN, neue Erfahrungen mit ursprünglichen Erwartungen kontinuierlich abzugleichen.

o   Explizites Nennen von makropersepktivischen und mikroperspektivischen Ansätzen der Beschreibung kultureller Akteursfelder sowie Bewusstmachen von jeweiligen Vorteilen und Gefahren selbiger

→ Gleichzeitig: keine der beiden Perspektiven als absolut oder „richtiger“ darzustellen

o   Explizites Thematisieren von „Unsicherheiten“ als mögliches Resultat einer mikroperspektivischen Betrachtung eines kulturellen Akteursfelds

Vorschlag

Strukturprozessuale Positionierung der TN, sprich Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion, offen und ehrlich erfragen? Oder ob die TN sich als eher offen und lernbereit für evtl. desorientierende Detailliertheit einschätzen? 

Als entsprechende Vorbereitung der Kursleitung auf die unterschiedliche Zusammensetzung des Kurses sowie binnendifferenzierte Ansätze im Kurs selbst, könnte vor Kursbeginn evtl. auch entsprechende Parameter (Erfahrungen, Auslandsaufenthalte, Berufsfeld) abgefragt werden bzw. liegen ohnehin durch z. B. Lebensläufe vor.

An Sophie, Nina, Jutta und Isabelle:

Glaubt ihr das direkte Ansprechen und Erfragen von Unsicherheiten bzw. Offenheit für Detailverlorenheit wäre eine gute Idee, um autoreflexive Gedankengänge in Gang zu setzen und innerhalb einer Gruppe ins Gespräch zu kommen - oder ist das zu persönlich und würde nicht funktionieren?


Kleiner Kommentar am Ende

Auch wenn es ein reales Beispiel ist, fehlt hier natürlich etwas der situative Kontext. Wenn lediglich mit Stereotypen um sich geschmissen wird, ist das natürlich alles andere als ratsam. Wenn sich einem kulturellen Akteursfeld aber versucht wird, auf makroperspektivischer Ebene zu nähern sowie gleichzeitig vor den komplexitätsreduzierenden Gefahren gewarnt wird und die Stereotype vielleicht gar nicht als solche genannt werden, sondern eher als Hintergrundmuster verstanden werden, die nicht immer zum Vorschein kommen müssen, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, auch zweiwertige Modelle wie das von Hall – bei gleichzeitiger Thematisierung des damaligen historischen Kontexts – mit einfließen zu lassen.


Als Antwort auf Malte Mordeja

Re: Stereotype in interkulturellen Trainings

von Nina Bredereck -
Ich finde die Lösungsansätze von Malte bereits sehr vielschichtig und gelungen, würde sie ähnlich angehen.
Die Frage zur direkten Ansprache von Erfahrungen von Unsicherheiten bzw. Offenheit für Detailverlorenheit ist sicherlich auch davon abhängig, zu welchem Zeitpunkt im Kurs dies stattfindet und wie vertraut bzw. bekannt sich alle Teilnehmenden bspw. sind. Es könnte dadurch eine gute Diskussion stattfinden, insofern alle von ähnlichen Grundlagen ausgehen und quasi ein ähnliches kollektives Gedächtnis diesbezüglich haben bzw. wie die individuellen Erfahrungen bisher mit solchen Stereotypen waren.

Letztendlich brauchen wir alle einen gewissen Rahmen. Die Frage ist, ob Menschen die Stereotypisierungen helfen, insofern sie diese Schubladen wieder öffnen und dekonstruieren, nachdem sie diese sozusagen als Grundlage genommen haben. Bspw. kann dies in einem Sprachkurs als guter Gesprächsanlass genutzt werden. Ein Beispiel ist in einem Russischkurs ein Youtube-Trickfilm-Video zu zeigen, in dem alle möglichen Stereotype bedient werden: Jeder Russe trinkt viel Alkohol, hat einen Panzer in der Garage und mag Atombomben. Anschließend können diese Stereotype in einem gemeinsamen Gespräch dekonstruiert werden bzw. aufgezeigt werden, worin die Problematik besteht.
Allerdings wären wir da wieder an dem Punkt, den Malte angesprochen hat, dass die Dekonstruktion von Stereotypen durch die Tradierung dieser wiederum nicht unbedingt zum Abbau von Stereotypen und Vorurteilen führen könnte.