Die Problematik liegt hier meiner Meinung nach in dem latenten Versuch der Distanzierung von Stereotypen, der durch die gleichzeitige Reproduktion der Stereotypen selbst leider zu Verfestigung Selbiger führen kann.
Wie reagiert ihr? Wie entkräftet ihr die Argumentation?
Ich würde sowohl vor dem Herunterspielen („wir wissen doch alle“) der Gefahren von Stereotypen warnen als auch vor der definitorischen Trennung zwischen "Stereoytpen" und "Vorurteilen", weil Stereotype - wie in Vorlesung 12 beschrieben - in der Praxis oft ebenso als Urteile geäußert werden, weshalb die Unterscheidung eher als gekünstelter Versuch einer Distanzierung zur eigenen vermeintlich interkulturell unsensiblen Kommunikation wirkt. Im Sinne von: „Ich kenne die Definition von Vorurteilen, also kann ich keine haben“ analog zu „Ich habe selbst schwule Freunde, also kann meine Äußerung nicht homophob sein“ oder „Meine Frau ist Latina, also kann ich kein Rassist sein“.
Was vollzieht sich für die TN und wie sieht es mit dem Umgang von Unsicherheit aus?
Das hängt glaube ich stark von vielen Faktoren ab, z. B. dem interkulturellen Vorwissen, Erfahrungswerten, Bildungsgrad oder auch Typ und Dauer des anstehenden Auslandsaufenthalts. Manchen TN mögen Stereotype im Sinne von Kulturstandards vermeintliche Sicherheit geben, anderen ist das zu eindimensional.
Herausforderung:
Wie gelingt es, Stereotype zu dekonstruieren, ohne sie gleichzeitig zu reproduzieren?
Mögliche Lösungsansätze:
o Einsatz von Flexitypen: Empfehlung an die TN, neue Erfahrungen mit ursprünglichen Erwartungen kontinuierlich abzugleichen.
o Explizites Nennen von makropersepktivischen und mikroperspektivischen Ansätzen der Beschreibung kultureller Akteursfelder sowie Bewusstmachen von jeweiligen Vorteilen und Gefahren selbiger
→ Gleichzeitig: keine der beiden Perspektiven als absolut oder „richtiger“ darzustellen
o Explizites Thematisieren von „Unsicherheiten“ als mögliches Resultat einer mikroperspektivischen Betrachtung eines kulturellen Akteursfelds
Vorschlag
Strukturprozessuale Positionierung der TN, sprich Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion, offen und ehrlich erfragen? Oder ob die TN sich als eher offen und lernbereit für evtl. desorientierende Detailliertheit einschätzen?
Als entsprechende Vorbereitung der Kursleitung auf die unterschiedliche Zusammensetzung des Kurses sowie binnendifferenzierte Ansätze im Kurs selbst, könnte vor Kursbeginn evtl. auch entsprechende Parameter (Erfahrungen, Auslandsaufenthalte, Berufsfeld) abgefragt werden bzw. liegen ohnehin durch z. B. Lebensläufe vor.
An Sophie, Nina, Jutta und Isabelle:
Glaubt ihr das direkte Ansprechen und Erfragen von Unsicherheiten bzw. Offenheit für Detailverlorenheit wäre eine gute Idee, um autoreflexive Gedankengänge in Gang zu setzen und innerhalb einer Gruppe ins Gespräch zu kommen - oder ist das zu persönlich und würde nicht funktionieren?
Kleiner Kommentar am Ende
Auch wenn es ein reales Beispiel ist, fehlt hier natürlich etwas der situative Kontext. Wenn lediglich mit Stereotypen um sich geschmissen wird, ist das natürlich alles andere als ratsam. Wenn sich einem kulturellen Akteursfeld aber versucht wird, auf makroperspektivischer Ebene zu nähern sowie gleichzeitig vor den komplexitätsreduzierenden Gefahren gewarnt wird und die Stereotype vielleicht gar nicht als solche genannt werden, sondern eher als Hintergrundmuster verstanden werden, die nicht immer zum Vorschein kommen müssen, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, auch zweiwertige Modelle wie das von Hall – bei gleichzeitiger Thematisierung des damaligen historischen Kontexts – mit einfließen zu lassen.