Diversity-Verständnis: Sorbonne University Abu Dhabi (SUAD)

Diversity-Verständnis: Sorbonne University Abu Dhabi (SUAD)

von Theresa Dabla -
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Ich habe mir meine eigene Organisation angeschaut, Sorbonne University Abu Dhabi (SUAD), in der ich seit knapp sieben Monaten arbeite. Es handelt sich um einen 2006 gegründeten, in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE) ansässigen, zum Großteil von der Regierung des Emirats Abu Dhabi finanzierten Zweigcampus der französischen Universität Sorbonne in Paris in Kollaboration mit der Université Paris Cité. Die Studiengänge werden überwiegend auf Französisch durchgeführt, einige auf Englisch, wobei die Auswahl der in Abu Dhabi angebotenen Studiengänge an die strategische Vision und die Arbeitsmarktbedarfe der VAE angepasst ist. Die verliehenen akademischen Grade sind sowohl in den VAE als auch in Frankreich akkreditiert. Knapp zwei Drittel der Studierendenschaft (inklusive des Vorbereitungsjahres mit Französisch-Intensivkursen) sind Emirati; weitere Studierende kommen vor allem aus anderen arabischen Golf- und Maghreb-Staaten, Frankreich, Armenien, China, Senegal, Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) und weiteren Ländern. In den letzten Jahren gab es verstärkte Bemühungen um Internationalisierung und die Rekrutierung ausländischer Studierender.

Ich habe mir die SUAD-Website (sorbonne.ae) - insbesondere die Unterseite zu „Inclusion, Diversity, Equality and Tolerance“ (IDE&T) (https://sorbonne.ae/sustainability/people-and-society/inclusion-diversity-equality-and-tolerance, zuletzt aufgerufen am 20.03.2026) sowie den Strategischen Plan 2024-2028 (https://sorbonne.ae/Strategic-Plan-2024-2028-1?tag=flipbook, zuletzt aufgerufen am 20.03.2026), aber auch das verwendete Bildmaterial – angeschaut, um zu verstehen, welches Verständnis von Diversität vermittelt und kommuniziert wird.

1) Zunächst wird Diversität als demografische Beschreibung verwendet, in erster Linie mit einem klassischen Verständnis als nationale Vielfalt. Der Begriff „Multikulturalität“ wird auf Nationalitäten bezogen und es wird auf über 90 in der Studierendenschaft vertretene Nationalitäten verwiesen (s. Unterpunkt „Multikulturalität“ auf der IDE&T-Seite).

2) Das Verständnis von Diversität ist aber auch normativ geprägt, es ist Teil eines Werteframeworks aus Inclusion, Diversity, Equality and Tolerance (IDE&T). Toleranz ist typisch als Begriff und Konzept für das Modell des interkulturellen Zusammenlebens in den VAE, einem stark vom Islam geprägten Land mit privilegierten Staatsbürger*innen und einem großen Anteil ausländischer Arbeitsmigrant*innen, das eine friedliche Koexistenz der Nationalitäten und Religionsgemeinschaften propagiert. Toleranz ist auch einer der im Leitbild der SUAD genannten Werte der Universität (s. Strategischer Plan 2024-2028, S. 8).

3) Des Weiteren wird ein rechtlich-institutionelles Verständnis in Form von Antidiskriminierung und Chancengleichheit vermittelt. Das Prinzip der Nichtdiskriminierung wird als Unterpunkt auf der IDE&T-Seite erwähnt und hier werden folgende Charakteristika genannt: Race, Gender, Ethnizität, Religion, Behinderung und sexuelle Orientation (interessanterweise, dann homosexuelle Handlungen sind strafbar in den VAE und Gender wird strikt binär verstanden, cross dressing ist z.B. ebenfalls verboten), sowie „other protected characteristics“, die nicht näher benannt werden. Der Fokus liegt, wenn man sich die Website weiter anschaut, insbesondere auf 1. Gleichstellung der Geschlechter (in Form von Frauenförderung unter Studierenden und Mitarbeitenden; Geschlecht wird in den VAE wie gesagt strikt binär gedacht) und 2. Zugänglichkeit und Inklusion für Studierende mit Einschränkungen (in den VAE werden Menschen mit Behinderungen „People of Determination“, POD genannt) durch Einrichtungen, Services und Nachteilsausgleiche. Zu den anderen genannten Charakteristika (Race, Religion, etc.) gibt es keine weiteren Ausführungen auf der Website. Der Hauptpunkt, der im Strategischen Plan genannt wird, um Diversität und Inklusion zu fördern, bezieht sich auf Zugangs- und Chancenerweiterung („to widen access and opportunity to a SUAD education“, S. 68) mit den Zielgruppen internationale Studierende und POD.

4) Es wird im Strategischen Plan auch an verschiedenen Stellen ein business case-Argument für Diversität als Mehrwert angedeutet. Die Internationalisierung der Studierendenschaft dient der Gewinnung von „talented individuals“ (S. 58) und „to attract top talents from around the world“ (S. 60). Dadurch, dass sie an der SUAD mit vielfältigen „Kulturen, Traditionen und Lebensweisen“ in Berührung kommen, werden die Studierenden auf den Arbeitsmarkt und als Bürger*innen einer zukünftigen, globalisierten Gesellschaft vorbereitet werden (S. 88 des Strategischen Plans). Vielfalt und Inklusion innerhalb der Forschungsgemeinschaft der SUAD soll aktiv gefördert werden, da „vielfältige Perspektiven und Hintergründe eine qualitativ hochwertige transdisziplinäre Forschung bereichern und eine globale Perspektive fördern.“ (S. 18, eigene Übersetzung).

Unter der Exzellenz-Säule des Strategischen Plans gibt es das Ziel „Enhance excellence in inclusion, diversity, equlity and tolerance“ (S. 68), einerseits um eine „vielfältige, integrative Arbeits- und Campuskultur“ zu kreieren und andererseits, um SUAD als Vorbild in Sachen IDE&T und als „Leuchtturm der Toleranz“ („beacon of tolerance“) zu etablieren, „in the UAE and beyond“. Also soll Diversität einerseits einen Mehrwert für die Campuskultur geben, andererseits ist es aber auch ein Ziel, selbst „exzellent“ in Hinblick auf Diversität zu sein. 

Kleiner Exkurs: Die Universität verweist im Zusammenhang mit Exzellenz an dieser Stelle auch auf ihre Mission und ihr Motto eine „bridge between civilizations“ zu bauen, soll heißen die lange Tradition akademischer Exzellenz der Sorbonne in Paris im strategischen Kontext der VAE zu teilen, wobei das interkulturelle Element diese Exzellenzkultur mit „Vitalität und Stärke“ bereichert (S. 64, s. auch S. 8). (Nach meiner Lernreise in diesem Kurs ist mir der Diskurs der „bridge between civilizations“ und ein Zentrieren der französischen akademischen Tradition und Kultur, das man auch an anderen Stellen im Strategischen Plan und auf der Website findet, aufgefallen.)  

Was das auf der Website verwendete Bildmaterial betrifft, fällt mir auf, dass die auf den Icons (z.B. für die verschiedenen Schools/ Fakultäten) gezeigten (wahrscheinlich KI-generierten) Personen recht idealtypische bis stereotype Personen zeigen (emiratische Frau für Arts and Humanities, emiratischer Mann für Law, Economics and Business, beide in traditionellem Gewand, sowie französischer Student für Data, Science and Engineering – man beachte auch, dass die Frau für die Geisteswissenschaften steht statt für die Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften). Ansonsten werden auf der Website aber Fotos von echten Studierenden in all ihrer Diversität eingesetzt, insofern sind sie authentisch.

Ich habe den Diversitätsdiskurs in französischen Hochschulen nicht näher recherchiert, da es den Rahmen dieser Anwendungsaufgabe sprengen würde, aber ich würde vermuten, dass das Diversitätsverständnis der SUAD hier seine Wurzeln hat, mit zusätzlicher Anpassung an den Kontext der VAE (z.B. Betonung von Toleranz und Harmonie sowie der Fokus auf Frauenförderung und die Inklusion von POD – letzteres ein Bereich, in dem sich viel getan hat in den VAE in den letzten Jahren). In diesem Fall halte ich das Verständnis von Diversität als demografische Beschreibung, als Wert und als Nichtdiskriminierung glaubwürdig. Es erscheint mir logisch und legitim, dass in Hochschulen in verschiedenen Ländern je nach dem dortigen Kontext unterschiedliche Diversitätsmerkmale im Vordergrund stehen (in den USA z.B. Race, Veteranen und first-generation Studierende, in Deutschland wahrscheinlich Geschlechtergleichstellung, internationale Studierende und Studierende mit Fürsorgeverantwortung oder berufstätige Studierende).

SUAD hat in der Tat eine diverse Mitarbeitenden- und Studierendenschaft und unternimmt ernsthafte Bemühungen im Bereich Unterstützung von POD sowie Studierenden mit chronischen Krankheiten und mental health-Herausforderungen (inkl. ein Student Success and Wellbeing Office, das vor kurzem personell aufgestockt wurde). Letztere werden von Mitarbeitenden in den Fakultäten durchaus als Herausforderung empfunden, die noch weitere personelle Aufstockung und Weiterbildung für Mitarbeitende bedarf.

Der Diskurs zum business case Diversität als Mehrwert ist weniger ausgeprägt. So findet sich interessanterweise unter der Bildungs- und Lehre-Säule des Strategischen Plans kein ausdrücklicher Hinweis oder eine Zielsetzung auf Diversität. Überlegungen, wie und mit welchen Lernzielen man Diversität gerade auch im Unterricht konstruktiv engagieren kann wären hier angebracht, statt sich nur auf Diversität als eine demografische Beschreibung der Studierendenschaft zu stützen. Ich denke nämlich, die Vorteile von Diversität kommen nicht automatisch zum Tragen (und Diversität kann ja auch Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit sich bringen), wenn diese Diversität nicht bewusst engagiert wird. Auch unter den Mitarbeitenden könnte der praktische Umgang mit Diversität und mit interkulturellen Herausforderungen expliziter thematisiert und reflektiert werden. Er war auch nicht explizit Teil des Onboardings.

Überlegungen/ Umsetzungsansätze zum Umgang mit KI und Diversity habe ich auf den ersten Blick nicht entdeckt, habe aber auch nicht tiefergehend danach gesucht.