Betreff: Anwendungsaufgabe 1 – Die Straße von Hormus (Ein „Tani“-Fabelkapitel zur Relationalen Perspektive)​

Betreff: Anwendungsaufgabe 1 – Die Straße von Hormus (Ein „Tani“-Fabelkapitel zur Relationalen Perspektive)​

von Stefan Letsch -
Anzahl Antworten: 1

Liebe Mitstreiterinnen,

ich reiche meine Antwort auf diese erste Anwendungsaufgabe erst jetzt, fast am Ende unseres Kurses, ein. Ich möchte da ganz ehrlich zu euch sein: Der Grund dafür ist, dass mir der Zugang zur streng akademischen Welt anfangs unheimlich schwergefallen ist. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich mit abstrakten Theorien allein nicht weiterkomme.

In diesem Prozess ist aus der Not heraus eine Idee entstanden. Ich habe festgestellt: Wenn ich diese hochkomplexen Inhalte einfach mal in eine Geschichte übersetze und von dort aus die theoretischen Bezüge herstelle, kann ich sie plötzlich viel leichter begreifen. So ist in den letzten Monaten eine metaphorische Heldenreise namens „Tani“ entstanden (wer neugierig ist, kann sich das Buchprojekt unter www.stefanletsch.com/tani ansehen).

Weil mir dieser Ansatz so sehr geholfen hat, die Theorie wirklich zu durchdringen, möchte ich auch das Beispiel der „Straße von Hormus“ genau so beantworten – in Form eines kurzen Fabelkapitels aus meiner Tani-Welt mit anschließender akademischer „Übersetzung“.

Hätte ich diese Aufgabe gleich am Ende des ersten Blocks beantwortet, würden die folgenden Zeilen noch etwas anders klingen. Mir hätten damals Worte wie „Makro- und Mikroperspektive“ oder das methodische „Heranzoomen“ noch gefehlt. Ich hätte stattdessen streng die Vokabeln der ersten Vorlesungen genutzt und von der „Strukturperspektive“ (dem starren Container) und der „Prozessperspektive“ (den dynamischen Beziehungen) gesprochen. Da ich diese Aufgabe nun aber rückblickend bearbeite, erlaube ich mir, unseren vollen Kurs-Werkzeugkoffer zu nutzen:​

Das Fabelkapitel: Die schwingende Meerenge

Tani wanderte weiter, bis er an einen Ort kam, an dem zwei gewaltige Felsmassive so nah aneinanderrückten, dass sie fast eine Brücke bildeten. Dazwischen floss ein dunkler, glänzender Strom, dessen Energie die Mühlen und wärmenden Feuer des gesamten umliegenden Landes speiste.

Auf beiden Seiten der Klippen standen Riesen. Sie starrten grimmig auf das Wasser hinab und stritten unaufhörlich darüber, wem die schmale Durchfahrt gehörte. Jeder Riese klammerte sich an seine Seite der Schlucht und glaubte, sein Land sei eine feste, unantastbare Festung. Eines Tages, im blinden Eifer ihres Streits, stießen die Riesen einen gewaltigen Felsbrocken in die Mitte des Stroms. Das Wasser staute sich augenblicklich.

„Ha!“, rief einer der Riesen triumphierend. „Jetzt habe ich das Wasser genau hier bei mir angehalten!“ Er dachte, er hätte nur diesen einen kleinen Flecken der Welt verändert.

Doch in genau diesem Bruchteil einer Sekunde geschah etwas Unfassbares. Es dauerte keine Stunden und keine Tage: Im selben Moment, als der Fels das Wasser traf, spürte Tani, wie der Boden unter seinen Füßen vibrierte. Er blickte in die Ferne und sah, wie am anderen Ende der Welt plötzlich die Mühlen stehen blieben. Die Feuer der Menschen auf den weit entfernten Bergen erloschen, und selbst der kleine Handwerker in einem fernen Dorf begann plötzlich zu frieren.

Tani holte seinen leuchtenden Kompass hervor. Die Nadel zeigte ihm das unsichtbare Netzwerk, das die Riesen in ihrer Arroganz übersehen hatten. Der dunkle Strom war kein einfaches Wasserband, das von A nach B floss. Er war vielmehr das Blut in den Adern eines einzigen, gewaltigen Organismus. Tani begriff: In dieser Welt gab es kein Ursache-und-Wirkungs-Spiel mehr, bei dem man einen Stein wirft und wartet, bis die Wellen irgendwann ankommen. Es gab nur noch ein einziges, straff gespanntes Netz. Zupfte man an einem Faden, zitterte das gesamte Gewebe im selben Moment.

Wer glaubte, in dieser schwingenden Enge nur ein lokales Problem zu "bearbeiten", belog sich selbst. Die Riesen hatten nicht den Strom kontrolliert – sie hatten ihr eigenes Herz vom Kreislauf abgeschnitten.

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Die wissenschaftliche Brille (Anwendung auf die Theorie)

Wie lässt sich diese Fabel nun auf die Blockaden in der Straße von Hormus und unsere Kursinhalte anwenden?

1. Kritik der Makroperspektive (Die Illusion der Riesen)​ Die Riesen nehmen die klassische Makroperspektive ein: Sie betrachten ihre Nationalstaaten (z. B. USA, Iran) als geschlossene, homogene „Container“. Diese strukturorientierte Sichtweise suggeriert fälschlicherweise eine Kontrollierbarkeit der Meerenge durch bloße Abgrenzung.

2. Relationale Perspektive und ANT (Das Zittern des Gewebes)​ Zoomt man an das geopolitische Ereignis heran, wird deutlich, dass es sich nicht um eine bloße Auseinandersetzung isolierter Substanzen (Riesen/Knotenpunkte) handelt, sondern dass die Beziehungsdynamiken (Kanten) im Vordergrund stehen. Im Sinne von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)​ fungieren der Felsen (Containerschiffe) und der Strom (das Öl) als nicht-menschliche, hybride Akteure. Eine Blockade löst ohne zeitliche Verzögerung globale Reziprozitätsdynamiken (Wechselwirkungen) an den Finanzmärkten aus – das Erlöschen der fernen Feuer.

3. Globale Dynamiken in der BANI-Umwelt (Die Kausalitäts-Illusion)​ Die Riesen glauben, dass Ursache A (Felswurf) nur Wirkung B an einem bestimmten Ort hat. Hier zerbricht die „Kausalitäts-Illusion“: Die Eigendynamik des Vorfalls illustriert präzise die Eigenschaften der BANI-Umwelt. Insbesondere die Elemente Nonlinear (nicht-linear) und Incomprehensible (unbegreiflich) zeigen, dass es in diesem globalen Geflecht keine einfachen, linearen Ursache-Wirkungs-Ketten mehr gibt. Das Ereignis entzieht sich sofort der Kontrolle der initiierenden Akteure.

Meine Frage an euch für die Diskussion:​ Erlebt ihr diese „Kausalitäts-Illusion“ der Riesen auch in eurem Berufsalltag? Gibt es in eurer Organisation Akteure, die glauben, in ihrer Abteilung „einen Felsen in den Fluss werfen zu können“, ohne dass das restliche Unternehmensnetzwerk unmittelbar darunter leidet?

Ich freue mich sehr auf eure Gedanken!


Als Antwort auf Stefan Letsch

Re: Betreff: Anwendungsaufgabe 1 – Die Straße von Hormus (Ein „Tani“-Fabelkapitel zur Relationalen Perspektive)​

von Susanne Abdennouri -
Spannend - und eine schöne Idee, die Inhalte erstmal in einer Geschichte greifbar zu machen. Ich hätte lediglich die Situation der Riesen mit ihrem Blick auf den Fluss als Mikroperspektive gesehen und erst beim Wegzoomen in die Makroperspektive zeigt sich das Gesamtbild mit den Konsequenzen ihres Tuns. Ich bin mir auch sicher, dass wir die Anwendungsaufgaben nun ganz anders behandelt hätten, aber es ist auch bereichernd zu sehen, wie sich unser Wissen schrittweise aufgebaut hat.