Stereotype in interkulturellen Trainings

Stereotype in interkulturellen Trainings

von Isabelle Widmer -
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Ich sehe die Argumentation des Trainers kritisch. Auf den ersten Blick klingt es nachvollziehbar, Stereotype lediglich als vereinfachte Orientierung zu nutzen und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass sie überspitzt sind. In der Praxis halte ich diese Trennung jedoch für problematisch.

Ich würde der Aussage zunächst widersprechen, auch wenn ich nachvollziehen kann, warum ein Trainer diesen Ansatz wählt. Gerade die Aussage „Wir wissen doch alle, dass es überspitzt ist“ überzeugt mich nicht. Denn dass wir wissen, dass etwas ein Stereotyp ist, bedeutet nicht automatisch, dass es keine Wirkung auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten hat.

Zunächst sind Stereotype und Vorurteile zwar begrifflich voneinander zu unterscheiden: Stereotype sind zunächst vereinfachte Vorstellungen über eine Gruppe, während Vorurteile zusätzlich eine wertende Komponente enthalten. Allerdings sind Stereotype in der Realität selten völlig neutral. Auch ein vermeintlich positives Stereotyp wie „Vietnamesen sind fleißig und gewissenhaft“ erzeugt Erwartungen. Entspricht eine Person dann nicht dieser Erwartung, kann schnell Irritation oder sogar eine negative Bewertung entstehen.

Interessant finde ich deshalb vor allem die Frage, warum die Teilnehmenden solche Stereotype häufig dankbar annehmen. Für mich hat das viel mit dem Umgang mit Unsicherheit zu tun. Interkulturelle Begegnungen sind häufig komplex und nicht eindeutig vorhersehbar. Stereotype bieten scheinbar einfache Regeln an: „In diesem Land macht man das so.“ Dadurch entsteht zunächst ein Gefühl von Orientierung und Sicherheit. Diese Sicherheit ist aber möglicherweise nur eine Scheinsicherheit.

Genau hier sehe ich auch den Schwachpunkt eines solchen Trainingsansatzes. Die Teilnehmenden lernen dann möglicherweise eher ein fertiges Skript als den Umgang mit tatsächlicher kultureller Vielfalt. Wenn die Person oder Situation nicht zum vermittelten Stereotyp passt, kann die Unsicherheit sogar größer werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, Verhalten vorschnell mit „der Kultur“ zu erklären, anstatt die individuelle Person und die konkrete Situation zu betrachten.

Das eigentliche Ziel eines interkulturellen Trainings sollte deshalb meiner Meinung nach nicht sein, möglichst viele Kategorien über verschiedene Länder zu vermitteln. Viel wichtiger wäre es, die Fähigkeit zu entwickeln, mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit umzugehen. Dazu gehören für mich Perspektivwechsel, aktives Zuhören, Beobachten, Nachfragen und die Reflexion der eigenen Zuschreibungen.

Aus eigener Erfahrung kann ich diesen Gedanken gut nachvollziehen. Ich habe selbst bereits ein interkulturelles Training durchgeführt und dabei bewusst einen anderen Schwerpunkt gesetzt: Wir haben nicht darüber gesprochen, „wie die Menschen aus einem bestimmten Land sind“, sondern zunächst über uns selbst – über unsere eigenen Prägungen, Erwartungen, Wahrnehmungen und Zuschreibungen. Ich fand diesen Ansatz besonders wertvoll, weil dadurch nicht die vermeintlichen Besonderheiten der „anderen“ im Mittelpunkt standen, sondern die eigene Wahrnehmung hinterfragt wurde. Gerade darin sehe ich einen wichtigen Schlüssel für interkulturelle Kompetenz: Nicht möglichst viel über andere Kulturen zu wissen, sondern sich bewusst zu machen, durch welche eigene kulturelle Brille man Situationen betrachtet.