Betreff: Anwendungsaufgabe 2 – Kulturelle Perspektiven in der Politik (Ein „Tani“-Fabelkapitel)​

Betreff: Anwendungsaufgabe 2 – Kulturelle Perspektiven in der Politik (Ein „Tani“-Fabelkapitel)​

von Stefan Letsch -
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Liebe Mitstreiterinnen,

ich setze meine Reihe der „getanifyten“ Anwendungsaufgaben fort. Wie ich bei Aufgabe 1 schon geschrieben habe (und wer mein Projekt www.stefanletsch.com/tani kennt, weiß das bereits): Ich erschließe mir die abstrakten Theorien unseres Kurses am besten über Geschichten.

Für diese Aufgabe zu den verschiedenen Kulturperspektiven in der Migrationspolitik habe ich wieder ein kurzes Fabelkapitel geschrieben, um die Haltungen sichtbar zu machen, bevor ich in die akademische Analyse der Parteiprogramme gehe.

Das Fabelkapitel: Der Garten der drei Riesen

Tani kam auf seiner Reise an ein weites Feld, das von drei Riesen bewirtschaftet wurde. Jeder Riese hatte seine eigene Vorstellung davon, wie ein guter Garten wachsen sollte.

Der erste Riese fürchtete sich vor dem Wind, der fremde Samen herüberwehte. Er riss jedes Pflänzchen aus, das er nicht kannte, und baute eine hohe Mauer um sein Land. „Mein Garten muss rein bleiben“, brummte er. Er wollte keine Veränderung, sondern verteidigte sein altes Revier erbittert gegen alles Neue.

Der zweite Riese war geschäftstüchtiger. Er ließ fremde Samen zu, aber nur, wenn sie Früchte trugen, die er gebrauchen konnte. Damit sie seinen alten Pflanzen nicht den Platz wegnahmen, baute er strenge Holzkästen. Jede Pflanze lebte isoliert in ihrem eigenen Kasten. Sie existierten friedlich nebeneinander, ohne dass sich ihre Wurzeln je berührten.

Der dritte Riese hingegen bereitete ein großes, gemeinsames Beet vor. Er pflanzte die unterschiedlichen Samen in dieselbe Erde. Die Wurzeln verflochten sich, die Blätter berührten sich und tauschten den Morgentau aus. Manchmal stritten die Pflanzen um das Licht, aber wenn der Sturm kam, stützten sie sich gegenseitig. Es war ein wildes, lebendiges Miteinander.

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Die wissenschaftliche Brille (Analyse der Parteiprogramme)

Wie lassen sich diese drei Garten-Metaphern nun in die strukturprozessualen Perspektiven unserer Vorlesung (Modul 04) und in aktuelle Parteiprogramme übersetzen?

1. Monokulturelle Perspektive (Die Mauer des ersten Riesen)​

  • Zitat (CDU):​ „Wir werden Rückführungen konsequenter durchsetzen […] Straftäter und diejenigen, die gewaltsame Konflikte nach Deutschland tragen, müssen unser Land verlassen. […] Der deutsche Pass steht am Ende einer erfolgreichen Integration – nicht am Anfang.“

  • Einschätzung:​ Hier zeigt sich eine enge, geschlossene Strukturperspektive. Migration wird in diesem Verständnis primär als Bedrohung und Unsicherheit wahrgenommen, die durch Abgrenzung und ordnungspolitische Maßnahmen kontrolliert werden muss. Das Ziel ist die Homogenisierung: Die eigene kulturelle Ordnung soll bewahrt werden (Exklusion). Ein echtes Zusammenwachsen ist nicht vorgesehen, es herrscht ein defensives „Gegeneinander“.

2. Multikulturelle Perspektive (Die Holzkästen des zweiten Riesen)​

  • Zitat (FDP):​ „Wir wollen Einwanderung in den Arbeitsmarkt, nicht in die sozialen Sicherungssysteme. Und wir wollen unserer humanitären Verantwortung gerecht werden, sie aber auch an unseren realen Möglichkeiten ausrichten.“

  • Einschätzung:​ Diese Perspektive steht für ein strukturiertes, toleriertes „Nebeneinander“. Vielfalt wird zugelassen, solange sie ökonomisch nützlich ist (Einwanderung in den Arbeitsmarkt) und die bestehende, kohärente Struktur des Staates nicht stört. Es gibt klare Boxen und Regeln (die Holzkästen). Konflikte sollen vermieden werden, indem man sich arrangiert (friedliche Koexistenz), aber eine tiefgreifende Durchmischung oder ein Aushandeln neuer, gemeinsamer Werte steht hier nicht im Fokus.

3. Interkulturelle Perspektive (Das gemeinsame Beet des dritten Riesen)​

  • Zitat (Bündnis 90/Die Grünen):​ „Zusammenhalt in Vielfalt setzt voraus, respektiert und gehört zu werden, gleichberechtigt mitgestalten und teilhaben zu können.“

  • Einschätzung:​ Hier finden wir die interkulturelle Perspektive des kollaborativen „Miteinanders“. Die Akteure leben nicht isoliert in Containern, sondern treten in eine echte Interaktion auf Grundlage gegenseitiger Anerkennung. Der Fokus liegt auf Inklusion und Synergie. Unterschiedliche Expertisen und Herkünfte werden als Voraussetzung verstanden, um den gemeinsamen gesellschaftlichen Raum (das Beet) gleichberechtigt mitzugestalten.

(Transkulturalität wäre hier übrigens das völlige, nicht-intentionale Ineinanderfließen der Pflanzen zu völlig neuen, hybriden Arten – eine offene Vernetzung ohne jegliche Grenzen. Das lässt sich in klassischen Parteiprogrammen so radikal kaum finden).​

Meine Frage an euch für die Diskussion:​ Wenn ihr euch die aktuellen politischen Debatten in unserer BANI-Welt anseht: Habt ihr auch den Eindruck, dass sich der gesellschaftliche Diskurs aus Angst vor Kontrollverlust aktuell wieder massiv vom „gemeinsamen Beet“ (Interkulturalität) zurück zu den kontrollierbaren „Holzkästen“ (Multikulturalität) oder gar zur „Mauer“ (Monokulturalität) verschiebt?

Ich freue mich auf eure Gedanken!