Im Nachfolgenden habe ich meine Gedanken
zu dieser Anwendungsaufgabe niedergeschrieben. Ergänzungen, Änderungen und
sonstiges Feedback von euch werden gerne entgegengenommen. Schon mal vielen
Dank im Voraus.
Wie reagiert ihr auf diese Aussage?
Ich würde ein Vier-Augen-Gespräch mit
dem Trainer suchen, in dem ich sachlich und respektvoll mit ihm in den Dialog trete.
In diesem Rahmen würde ich ihm mitteilen, dass ich nachvollziehen kann, dass es
nach damaligen Auffassungen als angemessen galt, in Ländertrainings mit
Stereotypen zu arbeiten, er dennoch den Vermittlungsansatz für die Zukunft
überdenken und in Erwägung ziehen sollte, ihn zu überarbeiten. Auch würde ich
ihm mitteilen, dass ich mir dessen bewusst bin, dass Ländertrainings aufgrund
des engen zeitlichen Rahmens den Teilnehmenden komprimierte Wissenspakete anbieten,
um sie schnell für ihre Einsatzländer „fit“ zu machen, dies jedoch kein Hinderungsgrund
darstellen sollte, um neben der Informationsvermittlung auch Raum für
kritische Reflexion zu schaffen.
Das Resultat vom Gespräch hängt
vorrangig davon ab, wie offen der Trainer gegenüber konstruktivem Feedback ist
und inwieweit er bereit ist, stereotypischem Denken sowie der Entstehung von
Vorurteilen/Bewertungen/Erwartungen entgegenzuwirken. Aufgrund seiner Aussage,
mit der er den Einsatz von Stereotypen rechtfertigt, kann nicht ausgeschlossen
werden, dass er in Anbetracht seiner langjährigen beruflichen Erfahrung nur
begrenzt offen für Veränderungen ist, da sich dieser Ansatz in seiner
bisherigen Laufbahn vermeintlich bewährt hat.
Wie würdet ihr die Argumentation
entkräften?
Die Äußerungen des Trainers „Wir wissen
doch alle, dass das überspitzt, ist.“ und „Außerdem sind es keine Vorurteile“
greifen argumentativ zu kurz und berücksichtigen didaktische sowie kognitive
Aspekte bei interkulturellen Trainings nicht. Es wird durch die Verallgemeinerung
„uns“ davon ausgegangen, dass alle Teilnehmenden sich der Vorurteile bewusst
sind und sogar darüber reflektieren, was nicht pauschalisiert werden sollte.
Auch die Trennung von Stereotyp und Vorurteil ist erstmal nicht falsch, aber es
wird nicht berücksichtigt, dass ständige Wiederholungen von Stereotypen dazu
führen könnten, dass diese in Vorurteile übergehen.
Wie bereits bekannt ist, sind viele
Ländertrainings stark generalisierend und komplexreduzierend. Es wird häufig
mit einem zweiwertigen Kulturbegriff gearbeitet, der die Teilnehmenden dazu
verleitet, in Kategorien zu denken. Da die Teilnehmenden an Ländertrainings
partizipieren, um grundlegende Kenntnisse über ein fremdes Land und dessen
Kultur zu erwerben, in dem sie oder mit dem sie arbeiten werden, kann davon
ausgegangen werden, dass viele diese Trainings sehr pragmatisch betrachten.
Ihnen geht es höchstwahrscheinlich darum, sogenannte Do‘s und Don‘ts zu
erlernen. Der Einsatz von Stereotypen könnte dazu beitragen, dass sich diese
besonders stark ins Gedächtnis der Teilnehmenden einbrennen. Obwohl sie sich
laut Angaben des Trainers dessen bewusst sein sollten, haben sie keine anderen
bzw. reflektierenden und vor allem nachhaltigen Methoden erlernt bzw. kennengelernt,
mit denen sie künftig eigenständig auf kulturelle Situationen reagieren können.
Zudem darf nicht vergessen werden, dass kulturelle Handlungen/Gepflogenheiten
in einem Land auch je nach Region unterschiedlich ausgeprägt sein und sich u.a.
mit der Zeit, verändern können. Stereotypen sind demnach nur eine
Momentaufnahme einer Kultur. Erlerntes Denken in Kategorien begünstigt bei den
Teilnehmenden nur Unsicherheiten sowie ein starres Festhalten am Erlernten. Im
schlimmsten Fall könnten sich erlernte Stereotypen durch ständiges sich ins „Bewusstsein“
rufen (Wiederholen) ohne darüber zu reflektieren bei den Teilnehmenden
fossilieren und sich sogar unterbewusst zu Vorurteilen und Ressentiments
entwickeln.
Bei der Vermittlung von Wissen jeglicher
Art sollte im optimalen Fall ein nachhaltiger Ansatz gewählt werden, um die
Teilnehmenden dabei zu unterstützen, auch in Zukunft eigenständig und
reflektiert mit kulturellen Situationen sowie Handlungen umzugehen, ohne in
starren Kategorien zu denken und/oder durch erlernte Stereotypen vorbelastet zu
sein. Die Teilnehmenden sollten insofern ausgebildet werden, dass sie imstande
sind, neue Erfahrungen kontinuierlich mit bestehenden Erwartungen abzugleichen,
um stereotypischem Denken entgegenzuwirken bzw. Stereotypen in Flexitypen umzuwandeln.
Was glaubt ihr vollzieht sich auch für
die Teilnehmenden dieser Trainings und wie sieht es mit dem Umgang von
Unsicherheit aus?
Ich gehe davon aus, dass durch die
Bearbeitung von Stereotypen im Ländertraining bei den Teilnehmenden eine
ausgeprägte Strukturperspektive gefördert wird. Die Teilnehmenden lernen
lediglich einen zweiwertigen Kulturbegriff kennen und orientieren sich deswegen
vorrangig an diesem.
In Bezug auf den Umgang mit
Unsicherheiten ist daher stark anzunehmen, dass die Teilnehmenden über eine
geringe Unsicherheitstoleranz verfügen. Sie greifen hauptsächlich auf erlernte
Stereotypen zurück, die sich im Laufe der Zeit durch das sich wiederholte ins
„Bewusstsein“ rufen ohne darüber zu reflektieren, fossilieren könnten. In
realen Interaktionssituationen mit Personen aus anderen Kulturkreisen könnten
dadurch unbewusst Vorurteile, Erwartungen und Bewertungen mitschwingen, welche
letztendlich in Ressentiments und Othering enden könnten. Dies könnte wiederum
verhindern, dass eingehende Erfahrungen und schemageleitete Erwartungen
fortlaufend miteinander abgeglichen werden, sodass die Teilnehmenden für immer
in der strukturprozessualen Perspektive verharren und sich dessen vielleicht
auch gar nicht bewusst sind.