Liebe Mitstreiterinnen,
auch für diese Anwendungsaufgabe habe ich wieder zur "Feder" gegriffen und das Problem der Stereotypisierung in meine metaphorische Heldenreise „Tani“ (www.stefanletsch.com/tani) übersetzt. Der selbstständige Trainer, der hier den Einsatz von Stereotypen verteidigt, liefert das perfekte Anschauungsmaterial für die Gefahren einer reinen Strukturperspektive.
Hier ist mein Fabelkapitel dazu, gefolgt von meiner akademischen Entkräftung seiner Argumente:
Das Fabelkapitel: Der Maskenschnitzer am See Tani traf an den Ufern eines großen Sees einen alten, viel beschäftigten Holzschnitzer. Der Mann fertigte ununterbrochen grobe, kantige Holzmasken an und verkaufte sie an Reisende, die auf die andere Seite des Sees übersetzen wollten. Die Masken zeigten stark überzeichnete Gesichter der Menschen vom anderen Ufer.
„Warum gibst du ihnen diese starren Masken?“, fragte Tani. Der Schnitzer lachte: „Sie geben den Reisenden Orientierung in der Fremde! Die Leute nehmen sie dankend an, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Wir wissen doch alle, dass die Fratzen völlig überspitzt sind. Es ist ja nicht böse gemeint – also sind es auch keine Vorurteile!“
Tani beobachtete die Reisenden, die sich die Masken vor die Gesichter banden. Die Schlitze für die Augen waren so eng, dass sie nur starr geradeaus blicken konnten. Als sie am anderen Ufer ankamen, trafen sie auf echte Menschen, die vielschichtig, im stetigen Wandel und völlig anders waren als die kantigen Masken. Da die Reisenden durch ihre Sehschlitze aber nur das sahen, was sie erwarten durften, gerieten sie in Panik, sobald sich jemand anders verhielt.
Tani erkannte: Wer sich aus Angst vor der unberechenbaren Weite der Welt eine starre Maske aufsetzt, fühlt sich für einen Moment sicher – aber er verliert die Fähigkeit, das echte, lebendige Gegenüber zu sehen. Tani legte das Holz beiseite und entschied sich, unberechenbar und anpassungsfähig zu bleiben, wie ein Fisch im Wasser.
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Die wissenschaftliche Brille (Entkräftung des Trainers)
Wie lässt sich die Argumentation dieses Trainers nun wissenschaftlich entkräften und was passiert bei seinen Teilnehmenden?
1. Die Illusion der harmlosen Orientierung (Stereotyp vs. Vorurteil) Das Argument des Trainers greift dramatisch zu kurz. Wie Valentina bereits völlig richtig anmerkte, führt die stetige und unreflektierte Wiederholung von Stereotypen in Trainings dazu, dass diese Frames „fossilieren“ und unweigerlich in Vorurteile übergehen,. Theresa hat zudem einen brillanten Punkt gemacht: Auch vermeintlich „harmlose“ oder gar positiv gemeinte Stereotype homogenisieren die Realität und beschränken Handlungsspielräume. Zu behaupten, „alle wissen doch, dass es überspitzt ist“, unterschätzt massiv, wie tief sich solche kognitiven Rahmen (Frames) unbewusst in unser Denken einbrennen.
2. Die Flucht vor der Unsicherheit (Die Perspektive der Teilnehmenden) Warum werden diese Stereotype (die Masken) von den Teilnehmenden „immer dankend angenommen“? Die Erklärung liegt in unserer Reaktion auf Unbestimmtheitserfahrungen. In einer komplexen Umwelt strebt der Mensch nach Eindeutigkeit, Regeln und Sicherheit. Stereotype befriedigen als „Komplexitätsreduzierer“ genau dieses Bedürfnis. Die Teilnehmer flüchten sich in die Strukturperspektive, weil sie die Unschärfe der Realität nicht aushalten.
3. Das Scheitern in der Realität (Vom Stereotyp zum Flexitypus) Wie Anja in ihrem Beitrag treffend formuliert hat, werden diese Teilnehmer in der Praxis unweigerlich scheitern. Sobald sie in der realen Welt auf Unvorhergesehenes stoßen, das nicht in ihr starres „Regelwerk“ passt, reagieren sie überfordert und nicht zielführend. Ein zeitgemäßes Training darf Unsicherheit nicht durch „Othering“ und simple Schablonen wegwischen. Es muss die Ambiguitätstoleranzder Teilnehmenden fördern, damit sie Mehrdeutigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung begreifen – und so vom starren Stereotyp zum anpassungsfähigen „Flexitypus“ werden.
Meine Frage an euch für die Diskussion: Habt ihr in eurem Berufsalltag schon einmal erlebt, dass euch eine (vielleicht sogar gut gemeinte) „Gebrauchsanweisung“ für ein anderes Land in der tatsächlichen interkulturellen Begegnung völlig in die Irre geführt hat?