1. Wahl des Akteursfeldes
Für diese Aufgabe analysiere ich das Onboarding-Programm von
OTTO, einem der größten deutschen E-Commerce-Unternehmen mit Sitz in Hamburg.
Die Wahl liegt nahe: Ich habe dort von 2014 bis 2024 gearbeitet und das
Onboarding sowohl als neue Mitarbeitende selbst erlebt als auch später aus der
Perspektive einer erfahrenen Kollegin beobachtet. Die Quellen für meine Analyse
sind die öffentlich zugänglichen Seiten zu Onboarding,
Kultur
und
Communities auf der OTTO-Karrierewebsite.
2. Das Onboarding-Programm im Überblick
Das Onboarding bei OTTO ist mehrstufig und
zielgruppenspezifisch aufgebaut:
Phase 1: Vor dem ersten Arbeitstag (Pre-Onboarding)
OTTO richtet eine eigene Onboarding-Website ein,
auf der neue Mitarbeitende nach dem Bewerbungsprozess alle relevanten
Informationen finden, inklusive eines virtuellen Rundgangs über den Campus. Die
Hardware wird entweder vorab per Post zugeschickt oder persönlich übergeben.
Das Signal dahinter: Du wirst erwartet. Du bist schon Teil des Teams,
bevor du offiziell anfängst.
Phase 2: Starter Days – das gemeinsame Einstiegserlebnis
Das Herzstück des Onboardings sind die Starter Days:
ein strukturiertes Einführungsprogramm für alle neuen Mitarbeitenden, das
direkt auf dem OTTO-Campus stattfindet. Alle Neuen haben eine einheitliche
Agenda, was von Anfang an Networking quer durch alle Bereiche fördert.
Die Inhalte umfassen:
- Einführung
ins Intranet, Campus und die OTTO-Kultur inkl. Leading Principles
- Einblick
in wichtige Projekte und die Unternehmensstrategie
- Fokus
auf Kundenorientierung (customerfirst)
- Informationen
zu praktischen Arbeitsverhältnisthemen (Deutschlandticket, Corporate
Benefits, Mitarbeiterportal)
- Q&A-Session
mit einem Vorstandsmitglied als Signal für Transparenz und
Augenhöhe
Phase 3: Team-Onboarding parallel zu den Starter Days
Schon während der Starter Days beginnt das fachliche
und persönliche Onboarding im Team: feste Blöcke an den Vormittagen für
gegenseitiges Kennenlernen, ein Einarbeitungsplan, der gemeinsam
vom Team erarbeitet wird, und ein Buddy-System, bei dem eine
erfahrene Kollegin als persönliche Ansprechperson zur Seite steht.
Phase 4: Community-Einbindung als kulturelle
Tiefenstruktur
Was das OTTO-Onboarding aus meiner Sicht besonders
auszeichnet, ist die frühe Einladung, Teil der Mitarbeitenden-Communities zu
werden. Diese bieten neuen Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich jenseits ihres
direkten Teams zu vernetzen, in Netzwerken wie PLAN F (Female Netzwerk), Vater@OTTO,
MORE, antiRacism, experienced oder den Product Pioneers. Das ist mehr als
Networking: Es ist eine Einladung, die Werte des Unternehmens aktiv
mitzugestalten.
3. Das zugrundeliegende Kulturverständnis
Wenn ich das Programm als Ganzes betrachte, erkenne ich
dahinter ein klares Kulturverständnis, das die gesamte Logik des Onboardings
prägt.
OTTO positioniert sich mit dem Satz „A people
company. Driven by technology" und genau das spiegelt sich wider.
Es geht nicht nur darum, neue Mitarbeitende funktional einzuarbeiten, sondern
sie in eine lebendige, werteorientierte Organisationskultur einzuführen.
Bezogen auf das Modell von Edgar Schein (1995) lässt sich
das Kulturverständnis bei OTTO auf drei Ebenen beschreiben:
- Artefakte (sichtbare
Ebene): Der physische Campus als Begegnungsraum, die Onboarding-Website,
Hardware-Ausstattung ab Tag 1, Starter Days als gemeinsames
Einstiegserlebnis
- Werte
und Normen (bewusste Ebene): Die zehn Leading Principles,
die als Orientierungsrahmen für Haltung und Verhalten aller Mitarbeitenden
gelten, nicht nur für Führungskräfte
- Grundprämissen (tiefe,
implizite Ebene): Die Überzeugung, dass Offenheit, gegenseitige
Wertschätzung, Fehlerkultur und Vielfalt nicht nice-to-have sind, sondern
Voraussetzungen für Innovation und Leistungsfähigkeit
Was mich dabei besonders interessiert: OTTO beschreibt
Kultur nicht als etwas, das das Unternehmen hat, sondern als etwas,
das aktiv gestaltet wird, durch Formate wie den Blog, das
Unplugged-Format oder die Mitarbeitenden-Netzwerke. Das entspricht dem
prozessorientierten Kulturverständnis nach Rathje (2010): Unternehmen
sind Kultur – sie entsteht durch Interaktion, nicht durch
Top-down-Vorgaben.
4. Theoretische Einordnung: Was macht dieses Onboarding
stark?
Wenn ich das Programm mit den Konzepten aus Vorlesung 15 und
16 verknüpfe, fallen mir drei Stärken auf.
Erstens: Schein-konforme Tiefenstruktur. Das
Onboarding bleibt nicht auf der Artefakt-Ebene stehen, sondern vermittelt
bewusst auch Werte (Leading Principles, Fehlerkultur) und lädt zu Begegnungen
ein, durch die Grundprämissen erfahrbar werden, etwa in der Q&A mit dem
Vorstand oder in den Community-Formaten. Das ist ein wichtiger Unterschied zu
rein administrativ angelegten Onboarding-Programmen.
Zweitens: Sozialisationsprozess als bewusste
Gestaltungsaufgabe. Nach Schreyögg (2016) wird Organisationskultur
nicht bewusst gelernt, sondern durch Sozialisation vermittelt, meistens durch
Kolleg*innen. OTTO macht diesen Prozess mit dem Buddy-System und den Starter
Days bewusst sichtbar und gestaltbar, statt ihn dem Zufall zu überlassen.
Drittens: Prozessorientiertes Kulturverständnis. Die
Einbindung in Communities und Formate wie Barcamps, Innovation Days oder
Unplugged signalisieren: Kultur ist bei OTTO kein Zustand, der vermittelt wird,
sondern ein Prozess, an dem alle mitschreiben. Das entspricht dem
Kohäsionsprinzip nach Rathje (2010), Kultur entsteht durch aktive Vernetzung
und gemeinsame Aushandlung.
5. Meine persönliche Reflexion
Ich erinnere mich gut an mein eigenes Onboarding bei OTTO,
das liegt mittlerweile zwölf Jahre zurück. Die Starter Days gab es damals
schon, aber ein Element hat sich mir besonders eingeprägt: Wir haben
zusätzlich eine ganze Woche im Kundenservice gearbeitet, um die
E-Commerce-Prozesse aus erster Hand zu verstehen. Das war lehrreich, praxisnah
und hat wirklich Spaß gemacht. Man verstand von Anfang an, wofür man eigentlich
arbeitet. Das aktuelle Programm hat dieses Element offenbar durch eine
Q&A-Session mit einem Vorstandsmitglied ersetzt. Ich finde die Idee
ebenfalls stark, halte die erlebte Kundenperspektive aber persönlich für noch
nachhaltiger.
Was mich bei dieser Analyse aber zum Nachdenken bringt, geht
über das Programm selbst hinaus. Das OTTO-Onboarding ist strukturell gut
durchdacht. Es öffnet Türen, vermittelt Werte und schafft erste Vernetzung.
Aber ein Onboarding kann nur dann wirklich wirken, wenn es von einer echten
Bereitschaft zur Akzeptanz im Alltag begleitet wird.
Was ich in meiner Zeit bei OTTO beobachtet habe und was mir
im Rückblick theoretisch klarer wird: Manchmal wurde genau das, weswegen jemand
eingestellt wurde, also eine andere Perspektive, ein anderer Hintergrund, eine
andere Art zu denken, im weiteren Verlauf zur Herausforderung, besonders wenn
es um Karriereschritte ging. Das lässt sich mit dem Similarity-Attraction-Paradigma nach
Byrne (1965) erklären: Menschen fühlen sich zu ähnlich Denkenden hingezogen und
belohnen Konformität, auch unbewusst. Wer nicht dem bestehenden Bild
entspricht, läuft Gefahr, zwar willkommen geheißen, aber nie wirklich
integriert zu werden.
Ein ganzheitliches Onboarding muss deshalb über die erste
Woche hinausdenken. Es braucht eine Kultur der fortlaufenden Akzeptanz in
Teams, in Karriereentscheidungen und in der täglichen Zusammenarbeit. Ohne das
bleibt auch das beste Einführungsprogramm ein guter erster Schritt, dem kein
zweiter folgt.
Gleichzeitig möchte ich das Onboarding-Programm von OTTO
ausdrücklich würdigen. Es ist eine echte Herausforderung, ein Programm zu
entwickeln, das Menschen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit willkommen heißt.
Kein Onboarding der Welt kann allen gerecht werden, und bewusst oder unbewusst
werden durch jedes Programm auch Prioritäten gesetzt, die manche stärker
ansprechen als andere. Das ist keine Schwäche, sondern eine strukturelle
Realität jeder Organisationskultur. Was OTTO aus meiner Sicht auszeichnet, ist
der erkennbare Wille, diesen Prozess nicht dem Zufall zu überlassen, sondern
ihn reflektiert und werteorientiert zu gestalten. Das verdient Anerkennung,
auch wenn der Weg zur wirklich gelebten Inklusion über das Onboarding hinaus
noch weitergeht.